Was wir gewinnen, wenn wir älter werden

Wilhelm Schmid

 

Es war mein 60. Geburtstag, der mich schockierte. Ich war nicht darauf gefasst, dass ich nun definitiv älter werde. Jetzt erst wurde mir klar: Die Zahl der kommenden Jahre wird immer kleiner sein als die Zahl der vergangenen. Theoretisch hatte ich mich darauf lange vorbereitet, aber praktisch fühlte sich das dann doch ganz anders an, voller Unruhe, voller Fragen: Was war mein Leben? Was kann es noch sein? Was hilft mir jetzt weiter? Mehr Gelassenheit, dachte ich mir, das wäre schön. Wie kann ich mehr Gelassenheit gewinnen? Nicht nur für mich ist das interessant, bemerkte ich bald. Gelassenheit erscheint vielen als erstrebenswert: Sie macht das Leben leichter und reicher. Aber es scheint an ihr zu fehlen: Die Moderne ist keine gelassene Zeit. Sie wühlt die Menschen dermaßen auf und wirbelt ihr Leben so sehr durcheinander, dass die Sehnsucht nach Gelassenheit wächst.

Gelassenheit war ein großer Begriff in der westlichen Philosophie seit Epikurs ataraxia („Nicht-Unruhe“) im 4./3. Jahrhundert v. Chr., in der christlichen Theologie seit Meister Eckharts gelazenheit im 13./14. Jahrhundert. In der Moderne aber geriet sie in Vergessenheit. Sie fiel dem stürmischen Aktivismus, dem wissenschaftlich-technischen Optimismus zum Opfer, ihre Zurückhaltung galt nicht als Tugend. Die simulierte Coolness, die an ihre Stelle trat, hielt immerhin die Erinnerung an ihre humane Wärme und Tiefe wach. Kann die älter werdende Gesellschaft eine gelassenere sein? Die Zeit ist günstig, um das in Erfahrung zu bringen: Das Älterwerden muss ohnehin neu erfunden werden. Für viele währt es länger als je zuvor, und es muss nicht mehr so gelebt werden, wie es über Jahrhunderte vorgegeben war, von der Natur, von der Religion, Tradition und Konvention. Es ist aufregend, mit dabeizusein, wenn nun ausprobiert werden kann, was sich mit dem Älterwerden alles machen lässt.

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Die Gelassenheit wieder zu entdecken, könnte ein großer Gewinn des Älterwerdens sein und ihm den Nimbus nehmen, ein einziger Verlust zu sein. Zumindest können wir dem Älterwerden den Sinn geben, diese große Ressource des Lebens neu zu erschließen, zunächst individuell für uns selbst, mit wachselnder Zahl von Einzelnen aber auch für unsere Kultur, die auf diese Weise eine andere werden kann. Ein Gewinn ist die Gelassenheit sicherlich in jeder Lebensphase, es ist nie zu früh, sich in Gelassenheit zu üben, aber sie zu gewinnen, fällt leichter beim Älterwerden, wenn nicht mehr alles auf dem Spiel steht und die Hormone sich etwas beruhigt haben, der Schatz der Erfahrungen größer, der Blick weiter, die Einschätzung von Menschen und Dingen treffsicherer geworden ist.

Ich habe den Versuch unternommen, 10 Schritte zur Gelassenheit ausfindig zu machen, die sich aus Beobachtungen, Erfahrungen und Überlegungen erschließen lassen. Lange habe ich beispielsweise meiner Mutter über die Schulter geschaut, die mit großer Gelassenheit ihr Älterwerden lebte, so deutlich anders als die Welt um sie herum: Von ihr habe ich viel gelernt. Es geht mir dabei um eine lebhafte, keine leblose Gelassenheit, und es geht um eine gelassene Gelassenheit, keine protzende, provozierende („Seht her, wie gelassen ich bin“). Und ich will Gelassenheit nicht einfach nur proklamieren, sondern einen lebenspraktischen Weg zu ihr vorschlagen, der gut gangbar ist. Worauf beruht sie? Wie ist sie zu erlangen?

Ein erster Schritt auf diesem Weg ist die Bereitschaft, sich Gedanken zu den Phasen des Lebens zu machen, das eben nicht in jeder Phase dasselbe ist: Da ist die jugendliche Phase bis etwa 25, in der alle Möglichkeiten offenstehen, die Stressphase bis etwa 50, in der mehrere Dinge zugleich realisiert werden müssen – gelassen macht da allenfalls die Einsicht, dass in dieser Zeit Gelassenheit schwierig ist. Dann das allmähliche Älterwerden bis etwa 75, das gesteigerte Älterwerden bis etwa 100, das hohe Alter bis etwa 125, vorläufig. Wobei das Älterwerden genau genommen eigentlich schon bald nach der Zeugung beginnt und für das Kind noch eine Verheißung ist. Die Gelassenheit besteht darin, sich auf die jeweilige Phase einzustellen und sich nicht als 50-Jähriger Dinge abzuverlangen, die eher die Sache eines 30-Jährigen sind. Auch damit einverstanden zu sein, dass die Kräfte im Laufe der Zeit langsam, aber sicher nachlassen, und damit zu leben, dass jedes natürliche Einstimmen von Körper, Seele und Geist auf eine neue Lebensphase mit spürbaren Turbulenzen einhergeht.

In einem zweiten Schritt heißt Gelassenheit, ein Verständnis für die Besonderheiten der Phasen des Älterwerdens im engeren Sinne zu entwickeln, um sich besser darauf einlassen zu können. Etwa sich mit dem unscheinbaren Wörtchen „noch“ anzufreunden, dessen Häufung untrüglich auf den fortschreitenden Prozess verweist: „Sie sehen ja noch gut aus für Ihr Alter!“ „Sie sind ja noch fit!“ „Toll, dass Sie das noch im Kopf rechnen können!“ „Schön, wie jugendlich Sie sich noch kleiden!“ „Alles noch in Ordnung?“ – Bitte nicht böse sein darüber, es ist niemals böse gemeint: Es soll trösten, aufmuntern und Mut machen. Und es ist schlicht wahr: Noch ist es so, aber es wird nicht so bleiben. Die Zeit des Noch sollte genutzt werden: Noch kann ein Freund angerufen werden, um mit ihm zu plaudern. Noch bleibt Zeit für eine Entschuldigung, die angebracht erscheint. Noch ist es möglich, Danke zu sagen, gegenüber wem und wofür auch immer, und „etwas zurückzugeben“. Und ich habe für mich die Entscheidung getroffen, nicht mehr ewig aufzuschieben, was mir wichtig erscheint. Was ich nicht gleich tun kann, bekommt ein Datum, um nicht im „Irgendwann“ zu verschwinden.

Lieb gewordene Gewohnheiten sind hilfreich beim gesamten Prozess: Ihre Pflege ist ein dritter Schritt auf dem Weg zur Gelassenheit. Natürlich soll es weiterhin viel Offenheit für Neues geben, aber die beste Basis dafür ist eine Verankerung im Bekannten. Der Sinn von Gewohnheiten liegt darin, ohne Kraftaufwand in ihnen verweilen zu können und nicht ständig alles neu entscheiden zu müssen. Zur Gelassenheit gehört daher die bewusste Einrichtung von Gewohnheiten, um sich führen zu lassen von all dem, was in ihnen schon entschieden ist. Zu jeder Zeit sind Gewohnheiten von Bedeutung für die Lebensführung, ihrer Anerkennung steht allerdings im Weg, dass sie in der Moderne ein missachtetes Dasein fristen: Sind sie nicht langweilig? Jede und jeder weiß jedoch aus eigener Erfahrung, wie gut es tut, eine Rückzugsmöglichkeit im Leben zu haben und sich wenigstens samstags in vertrauten alten Klamotten den permanenten neuen Anforderungen entziehen zu können.

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Selbst der Genuss von Lüsten kann in Gewohnheiten verankert, gehegt und gepflegt werden, glücklicherweise auch beim Älterwerden. Lüste bewusst zu genießen, Glück in diesem Sinne zu erfahren, ist ein vierter Schritt zur Gelassenheit. Willkommener als früher sind dabei die bescheidenen Lüste, die sich jetzt erst hervorwagen, da die orgiastischen Orkane vorübergezogen sind: Die Freude an ihnen wird größer durch das Bewusstsein, dass sie nicht mehr endlos lange zu genießen sind. Große Bedeutung gewinnt die Lust der Erinnerung, und das Schwelgen in Erinnerungen ist umso lustvoller, als die bange Ungewissheit, wie die Geschichte ausgehen wird, nicht mehr ausgehalten werden muss: Der Ausgang ist bekannt. Und eine Lust, die im Alter eher noch intensiver wird, ist die Lust des Gesprächs, endlos viele Erfahrungen und Reflexionen drängen danach, und jetzt wäre der rechte Zeitpunkt dafür, die Geschichten auszupacken, die Anderen noch nicht geläufig sind. Verdrängtes, das auf der Seele lastet, könnte dabei zum Vorschein kommen. Aber das Gespräch scheitert, wenn keiner zuhören will, und das scheint ein Problem des Älterwerdens zu sein: Dass auf die vielen, die etwas erzählen wollen, nur wenige warten, die ihnen ihr Ohr leihen wollen. Erzähl-Salons, auch selbst organisiert, in denen das Reden und Zuhören reihum geht, könnten eine Antwort darauf sein. Aber bitte nicht schummeln und wegbleiben, wenn Andere dran sind.

Und Sex im Alter? Hält jung. Noch. Er hat seine Schrecknisse verloren, seit er in Filmen freizügig dargestellt wird. Aber die Lust auf Sex verändert sich: Der Aufwand, der einst getrieben wurde, um den tobenden Hormonen nachzukommen, leuchtet nicht mehr so recht ein, übereinander herzufallen kommt nicht mehr so oft vor. Immerhin ist die geringere Frequenz einer gesteigerten Intensität förderlich. Sex könnte endlich nur noch das Medium der Kommunikation sein, das er immer sein sollte: Es tut jeder Beziehung gut, dieses Medium zu nutzen und vertikal geführte Gespräche auch mal in die Horizontale zu verlagern, vor allem in schwierigen Zeiten – übrigens eine Empfehlung von Adolph Freiherr Knigge, einem ganz und gar unterschätzten Eheberater. Die Gelassenheit kann jetzt aber auch darin bestehen, leichten Herzens von dem abzulassen, was einst so wichtig erschien. Eine schwindende Bedeutung von Sex kann sogar dem Entstehen entspannter Freundschaften zwischen den Geschlechtern zugutekommen, die sonst nicht so ohne Weiteres möglich zu sein scheinen.

Auch die Lust der Muße lässt sich pflegen, die Zeit eines Nachdenkens über das Leben, erfüllt von einem zweckfreien Tätigsein und bloßen Dasein. Wie ein Kind kann ich mich den Dingen widmen, die mich interessieren und faszinieren; die Freiheit der Gedanken fördert die interessantesten Zusammenhänge zutage. Carpe diem, genieße den Tag – jetzt ist die Zeit dafür da, auf diese Weise zu leben, aber auch damit einverstanden zu sein, dass das nicht etwa heißen kann: Genieße jeden Tag. Denn es gibt ungenießbare Tage, die dennoch für etwas gut sind: Sie machen die genießbaren wertvoller. Die Gelassenheit erfordert nicht, dass alles und jedes immer und überall Lust bereiten muss. Es ist vielmehr das Privileg des gelassenen Älterwerdens, nicht mehr jeder Lust hinterherrennen zu müssen.

Mehr als je zuvor drängt das Leben auch zur gelassenen Hinnahme von vielem, das nicht zu ändern ist, insbesondere bei der Erfahrung von Schmerzen und Unglück. Ein fünfter Schritt zur Gelassenheit ist daher die Stärkung der Hinnahmefähigkeit, um mit kleineren Malaisen und größeren Problemen zurechtzukommen. Wie erreiche ich das? Durch Lebenskunst, die von Grund auf darin besteht, sich zu fragen: Was steht in meiner Macht, was nicht? Es steht nicht in meiner Macht, die Polarität des Lebens, die Spannung zwischen positiven und negativen Seiten, auszuschalten. In moderner Zeit ist das Leben mit diesen gegensätzlichen Seiten schwierig geworden. Aber ohne sie gibt es kein Leben, wie andere Zeiten wussten und auf alten Sonnenuhren zu lesen ist: „Was wäre das Licht ohne Schatten?“

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Zu den Schatten gehören auch Depressionen (Plural), nicht zu verwechseln mit der Krankheit der Depression (Singular), die viel seltener vorkommt. Im Unterschied zu den bewegten Gefühlen und Gedanken im Falle von Depressionen ist die Depression von erstarrten Gefühlen und einem engen Zirkel weniger Gedanken gekennzeichnet. Der Betroffene kann sich selbst nicht mehr helfen, sodass er auf Angehörige und Freunde, auf Therapeuten und Ärzte angewiesen ist. Depressionen hingegen sind nichts Anderes als die gute alte Melancholie, eine Seinsweise der Seele, die nicht als krankhaft gelten kann. Alte und ältere Menschen scheinen damit häufiger zu tun zu haben als junge und jüngere. Melancholisch macht vor allem die Erfahrung von Einsamkeit, nämlich sich sagen zu müssen: Ich lebe dieses Leben, kein Anderer. Nur ich bringe dieses Leben letztlich auch zu Ende, kein Anderer kann mir dies abnehmen. Ich muss den Weltschmerz aushalten, dass die Zeit des Lebens begrenzt ist, dass ich dieses Leben und die Liebsten irgendwann verlassen muss: Das geht Menschen beim Älterwerden mehr als je zuvor durch den Kopf.

Um dem Kopf jedoch nicht zu viel zuzumuten, wäre zwischendurch Gebrauch von den verschiedenen Arten der Berührung zu machen. Berührung zu suchen, ist ein sechster Schritt zur Gelassenheit, denn sie erleichtert es, gerade in schwieriger Zeit Gelassenheit zu bewahren. Auf Berührung sind Menschen das ganze Leben hindurch angewiesen. Von Geburt an trägt sie zum Aufbau des Immunsystems und zum Entstehen von Bindung und Geborgenheit bei. Heranwachsende und auch Erwachsene kennen die wohltuende Wirkung einer Umarmung oder auch nur einer streichelnden Hand. Opioide werden dabei freigesetzt, die schmerzlindernd wirken. Um der Bedeutung der Berührung beim Älterwerden Rechnung zu tragen, käme es darauf an, zumindest die Grundversorgung sicherzustellen – eine Aufgabe der Selbstsorge, solange die noch möglich ist, sodann aber der Fürsorge Anderer.

Das betrifft zunächst die körperliche Berührung, das vielbelächelte Händchenhalten, das immer möglich ist, die gelegentliche Umarmung, die nicht missverständlich ist, die regelmäßige Massage und jede Art von Körpertherapie, der Umgang mit Haustieren, auch die Berührung durch das Wasser beim Baden, Schwimmen, Saunieren. Gelassen macht außerdem nicht nur die tastende Berührung, sondern jede Art von Sinnlichkeit, die uns angenehm berührt: Ein Gesicht, ein Bild oder eine Landschaft zu sehen, Musik zu hören oder selbst zu machen, für sich allein oder im Chor zu singen, einen Geruch wahrzunehmen, eine Speise zu schmecken, auch sich zu bewegen, sei es beim Spaziergang oder Sport, und Dinge mit dem Bauchgefühl zu erfassen, mit dem vieles intensiv erfahrbar ist.

Von ebensolcher Bedeutung wie die körperliche ist die seelische Berührung, bei der es um Gefühle geht, die mit einer einzigen Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit bereits entstehen können. Überall dort, wo keine Gleichgültigkeit vorherrscht, ist seelische Berührung möglich. Gelassenheit als relatives Freisein von Unruhe hat weder mit Gleichgültigkeit noch mit Gefühllosigkeit zu tun. Gefühle sind die Gewürze des Lebens, ohne die alles fade wäre. Und zur Gelassenheit trägt auch die geistige Berührung in Gedanken bei: Bei jedem Gespräch wird ein Mensch berührt von den Gedanken Anderer und kann sie seinerseits mit Gedanken berühren. Und nicht nur im Gespräch, sondern auch im Schweigen geschieht geistige Berührung: Stillschweigend können Gedanken ausgetauscht werden. Ein geistiges Berühren und Berührtwerden in stiller Form ist die Lektüre, daher sind Bücher so reizvoll.

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Die schönsten Möglichkeiten für Berührung auf allen Ebenen, körperlich, seelisch und geistig, bieten Beziehungen der Liebe und Freundschaft. Sich um berührende, bejahende Beziehungen zu kümmern, ist daher ein siebter Schritt zur Gelassenheit. Von unschätzbarer Bedeutung ist die Freundschaft. Mit dem Freund verbinden mich kostbare Erinnerungen, mit ihm kann ich plaudern, bei ihm etwas loswerden – nur nicht zu viel, um ihn nicht zum Müllschlucker zu machen. Der Freund ist ein Mensch, mit dem ich einfach nur gerne zusammenbin, weil er so ist, wie er ist. Bei ihm finde ich Verständnis und er bei mir, bei ihm genieße ich Privilegien und er wiederum bei mir. Gelassenheit der Freundschaft: Freunde wohnen selten zusammen, das erspart viel Ärger, selten geht es um Sex, das erspart noch mehr Ärger. Selbstverständlich besteht auch die Freundschaft nicht immer nur aus reinem Glück, aber bei Problemen genügt es meist, sich für eine Weile nicht zu sehen. Im Laufe der Zeit entwickelt sich zudem ein gutes Gespür dafür, was der Andere mag und wogegen er Abneigung hegt, was ihm gut tut und was eher nicht, was er gut kann und was ihn überfordert. Mit jeder Beziehung aber, die verlorengeht, kann aus Gelassenheit Verlassenheit werden.

Was hoffentlich für immer bleibt, ist die Liebe zu dem Menschen, mit dem das Leben oder wenigstens ein Abschnitt des Lebens geteilt wird: Das ist der Schlüssel dafür, lange jung zu bleiben. Und die Basis dafür, gelassen alles Mögliche durchzustehen. Ein Mensch genügt, um gemeinsam mit ihm dem Leben Sinn zu geben. Schön und voller Sinn ist das Leben immer dann und bis zuletzt, wenn da wenigstens einer ist, an dessen Dasein ich Freude habe und der seinerseits Freude daran hat, dass ich da bin, wenngleich vielleicht nicht jeden Tag. Jetzt aber sind wir mehr als je zuvor auf das Wohlwollen füreinander angewiesen. Immer häufiger bedürfen wir wechselseitig der Nachsicht bei Erinnerungslücken, Konzentrationsschwächen, mangelnder Beweglichkeit, nachlassender Attraktivität. Vor allem dann, wenn einer anders wird, etwa aufgrund von Verbitterung, Depression, Demenz, schwerer Krankheit, kommt es zum Schwur, ob die Liebe Bestand hat bis in den Tod. War der schönste Liebesbeweis in jüngeren Jahren die Bekundung, „bis ans Ende der Welt miteinander zu gehen“ und „gemeinsam alt werden zu wollen“, so ist nun die Zeit für den existenziellen Beweis gekommen, dass dies nicht nur schöne Worte waren.

Und ein starker Grund für Gelassenheit beim Älterwerden sind die Beziehungen zu Kindern, denn sie tragen das Leben weiter. Mit den heranwachsenden Kindern selbst noch einmal heranzuwachsen, ist die intensivste und schönste Zeit des Lebens, jedenfalls erscheint mir das im Rückblick so. Ganz nebenbei helfen sie einem auch, auf Tuchfühlung zur Zeit zu bleiben, die schneller davonrennt, als die langsamer werdenden Eltern hinterherkommen. Neben der Liebe zwischen Eltern und Kindern ist es die zwischen Großeltern und Enkeln, die allen Beteiligten viel Sinn und Gelassenheit vermitteln kann. Und wenn da keine Kinder und Enkel sind? Dann ist es sinnvoll, dennoch den Umgang mit Kindern zu suchen, auf eine Weise, die keine Missverständnisse hervorruft: Lesepaten werden von Schulen gesucht. Ein Engagement als Ausbildungspate oder Sozialpate für benachteiligte Kinder stärkt deren Widerstandsfähigkeit („Resilienz“). Kinder können sich auch unter schwierigen Bedingungen gut behaupten, wenn sie nur ein wenig Zuspruch und Zuwendung erfahren, die sie vielfach dem zurückgeben, der dazu bereit ist. Älter werdende Menschen wiederum fühlen sich länger in das Leben eingebunden, wenn sie am Werden der Kinder teilhaben können. Ein natürlicher Sinn des Älterwerdens könnte nicht nur die allmähliche Gewöhnung des Menschen an die Tatsache sein, dass sein Leben sich neigt, sondern auch, noch möglichst viel Zeit dafür zu haben, dem heranwachsenden Leben beizustehen und Erfahrungen weiterzugeben.

Ein achter und entscheidender Schritt zur Gelassenheit ist die Besinnung, die Frage nach Sinn. Sie gilt nun häufig dem Ganzen des Lebens, um Zusammenhänge zwischen all dem, was war, herzustellen und somit das zu finden, was „Sinn macht“. Weggabelungen kommen wieder in den Blick, an denen alles im Leben eine andere Wendung hätte nehmen können, eine Lebensgeschichte im Konjunktiv: „Was wäre gewesen, wenn…“ War es reiner Zufall, wie es gekommen ist? War es meine Anstrengung? Hat jemand Regie geführt? Was verdanke ich Anderen? Wem genau? Welche Möglichkeiten konnte ich verwirklichen? Habe ich gekämpft für das, was ich für richtig hielt? War es ein schönes und erfülltes Leben? Was war schön, was nicht? Welche Träume gingen in Erfüllung, welche nicht? Was ist gelungen, was nicht? Was hätte ich besser anders entschieden? Eine Weile darüber nachzugrübeln ist sinnvoll, aber nicht endlos: Es gab Gründe dafür, so zu entscheiden, das Wissen und die Erfahrung von heute standen damals nicht zur Verfügung. Und wenn nicht alles gelungen ist, muss das kein Ärgernis sein: Es ist nicht so, dass Dinge im Leben und das Leben als Ganzes gelingen müssen. Es ist nicht schlimm, wenn etwas misslingt, schlimm ist lediglich, nichts versucht zu haben, zumindest ist es schade. Auch das Misslingen kann wertvoll sein – vielleicht nicht für mich, aber für Andere, die nun besser wissen können, was geht und was nicht.

Neben dem Blick zurück tut sich ein neuer Blick voraus auf, der über das eigene Leben hinausreicht: Was bleibt von dem, was mir wichtig war und ist? Liegt mir überhaupt daran, dass etwas bleibt? Was kann ich noch dafür tun? Nicht irgendwann, sondern jetzt ist die richtige Zeit dafür, nachzuarbeiten und nachzujustieren. Mithilfe von Besinnung kann anstelle einer finalen Nervosität schließlich eine gelöste Heiterkeit entstehen: Einverstanden zu sein mit dem Leben, wenn auch nicht in allen Details, voller Vertrauen auf das Leben, das mir bringt, was ich brauche, und mir die Mittel an die Hand gibt, alles Andere zu bewältigen. Das Einverständnis mit dem Leben kann alle Beschwernisse des Alters überwiegen. Es geht mit einer Gelassenheit einher, die nicht schwer ist, da sie vom Lassen kommt: Dinge geschehen zu lassen und sie nicht komplizierter zu machen, als sie es sowieso schon sind. Anderen den Vortritt zu lassen und sie machen zu lassen. Im Takt, den das Leben vorgibt, nachzulassen. Bereitwillig gehen zu lassen, was nicht mehr bleiben kann. Sich willentlich dem zu überlassen, was kommt. Aber auch die Gelassenheit muss atmen können: Sie tief in sich zu fühlen, ist ihr Einatmen. Zwischendurch setzt sie immer wieder mal aus, das ist ihr Ausatmen. Sie kann aussetzen beispielsweise angesichts von Altersarmut und Pflegenotstand. Bei mir selbst setzt sie aus angesichts der verbreiteten Ignoranz gegenüber ökologischen Problemen. Aber mit der An- und Abwesenheit von Gelassenheit zu leben, ist die große Gelassenheit.

Ein neunter Schritt auf dem Weg zur Gelassenheit ist, eine Haltung zur Grenze des Lebens zu finden, die näher rückt. Immer häufiger sind wir mit dem Tod Anderer konfrontiert, der uns jedes Mal nahegeht. Sind die eigenen Eltern nicht mehr da, ist von diesem Moment an klar: Wir selbst stehen nun an der Front, kein Puffer ist mehr zwischen hier und dort. Was mich tief beeindruckte bei meiner Mutter, war ihre Gelassenheit nicht nur beim Älterwerden, sondern auch angesichts des Todes, auch an dem Tag, als es so weit war und sie nur sagte: „Ich weiß, wohin ich gehe.“ Was der Tod wirklich ist, weiß kein Mensch. Wir wissen darüber weniger als nichts, nämlich gar nichts. Das ist vermutlich das Beunruhigende an ihm. Beruhigend kann allenfalls seine Deutung sein. Er kann als Ereignis gedeutet werden, das dem Leben Sinn gibt, da er die Grenze markiert, die das Leben erst wertvoll macht. Und es gäbe ihn wohl nicht, wenn er sich im Prozess der Evolution nicht seit langem schon als sinnvoll erwiesen hätte. Alles Einzelne muss vergehen, damit das Leben als Ganzes weitergehen kann: Das betrifft nicht nur mich, sondern jedes Ich, jedes Wesen.

Und dann? Es ist nur ein Gedanke, dass da irgendetwas weit über mein Leben hinausreicht und dass es ein letztes Mal so sein könnte, wie es oft im Leben war: Dass in dem Moment, in dem ein Raum sich schließt, ein neuer sich öffnet. Das ist der mögliche zehnte Schritt zur Gelassenheit: Über die Endlichkeit hinausblicken zu können in der Zeit, in der das Ende näherkommt, vielleicht sogar ganz kindlich darauf zu vertrauen, einem größeren Ganzen zuzugehören, einer metaphysischen Dimension, die keineswegs „jenseits“ sein muss. Es könnte sich auch um den diesseitigen Kosmos handeln, der jede Endlichkeit unendlich weit überschreitet, sie also im Wortsinne „transzendiert“. Gelassenheit ist das Gefühl und der Gedanke, in einer Unendlichkeit geborgen zu sein, für die es nicht wichtig ist, welchen Namen sie trägt.

Das könnte der umfassendste Sinn sein. Dass ein solcher Sinn möglich ist, ahnt ein Mensch sein ganzes Leben hindurch bei Unendlichkeits-Erfahrungen, in intensiver Sinnlichkeit, in der starken Bewegtheit durch Gefühle, bei einem tiefschürfenden Gespräch oder einer Lektüre, beim Versinken im Spiel oder in einer Tätigkeit, bei jeder Art von „Flow“. Typisch dafür ist immer: Selbstvergessenheit, Zeitlosigkeit, Allverbundenheit, Intensität. Es liegt auf den Lippen, diese Erfahrungen göttlich zu nennen, und sie sind so stark, dass sie lange im Gedächtnis bleiben. Die Intensität der Energie, die dabei erfahren wird, könnte das Wesentliche, Eigentliche des Lebens sein, denn sie reicht über das Ich und seine Zeit weit hinaus. Von Endlichkeit betroffen ist nur das äußere Erscheinungsbild des Menschen: Der Körper, der im Spiegel sichtbar wird, altert in dem Maße, in dem die Energie aus ihm entweicht, erfahrbar als schwindende Kraft. Aber das betrifft eben nur den Körper, während die Energie selbst, das Eigentliche des Menschen, sein innerstes Wesen, das Seele genannt werden kann, nicht altert, und viele fühlen das auch so.

Vorstellbar ist, dass die Energie eines Menschen ins Meer der kosmischen Energie zurückfließt, aus dem heraus neue Formen des Lebens mit Energie erfüllt werden. Dann ist nicht alles Leben mit dem Tod zu Ende, nur das gelebte Leben in dieser Gestalt, das sich im Seinsschlaf erholt für ein anderes Leben. Ich könnte mir sagen: Ich bin eine der Möglichkeiten des Seins und aus mir wird eine andere Möglichkeit des Seins. Unerledigtes aus dem alten Leben könnte ich einem möglichen anderen Leben anvertrauen, um mit heiterer Gelassenheit schon diesseits der Grenze ins Offene hinein zu leben. Auf die Möglichkeit eines neuen Lebens setzen zu können, entlastet uns, die wir älter werden, zumindest vom Lebensstress, dem angeblich „einzigen Leben“ alles abverlangen zu müssen. Und wenn es sich dann doch noch anders verhalten sollte? Dann war dieses eine Leben wenigstens ein schönes Leben.

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Das sind also die 10 Schritte auf dem Weg zur Gelassenheit: 1. Ein Wissen von den Phasen des Lebens, 2. eine Akzeptanz der Zeit des Älterwerdens, 3. die Pflege von Gewohnheiten, 4. der Genuss von Lüsten, 5. die Stärkung der Hinnahmefähigkeit, 6. viel Berührung, 7. viel Beziehung, 8. viel Besinnung, 9. Besinnung auf die Grenze des Lebens, und 10. Besinnung auf ein mögliches Darüberhinaus. Nichts davon ist neu, neu ist nur die Zusammenstellung. Das Rezept zur Gelassenheit mit allen erforderlichen Verschreibungen halten wir damit in Händen. Fehlt nur noch der Ort, an dem wir es einlösen können – aber die Apotheke ist die Hausapotheke: Das sind wir selbst.

 

Wilhelm Schmid, geboren 1953, lebt als freier Philosoph in Berlin und lehrt Philosophie als außerplanmäßiger Professor an der Universität Erfurt. Umfangreiche Vortragstätigkeit, seit 2010 auch in China. 2012 wurde ihm der Meckatzer-Philosophiepreis für besondere Verdienste bei der Vermittlung von Philosophie verliehen, 2013 der Wissenschaftspreis der Egnér-Stiftung in Zürich für sein bisheriges Werk zur Lebenskunst. Homepage www.lebenskunstphilosophie.de, Twitter @lebenskunstphil.