Süddeutsche Zeitung – Credo des Altkanzlers

Aus Sorge um Europa: HKohl_MAIKEelmut Kohl hat aufgeschrieben, was seiner Meinung nach seit 1998 alles falsch gelaufen ist

Da sitzt der alte Mann, noch immer groß, das einst runde Gesicht ist eingefallen, der Körper deutlich schmächtiger. Es fällt ihm sichtlich schwer zu sprechen. Aber manches spricht er klar aus, in der altbekannten Pfälzer Melodie. “Ich war immer ein überzeugter Europäer, ich werde immer für Europa kämpfen. Für Frieden und Freiheit.” Die Sätze liest Helmut Kohl von Blättern ab. Frei reden, das kann der Altbundeskanzler dieser Tage nicht mehr so gut.

Doch man versteht gut, um was es ihm geht. Dass Europa, für ihn seit Jugendtagen eine Herzensangelegenheit, von den politischen Nachfolgern in Deutschland und im Rest des Kontinents aufs Spiel gesetzt werden könnte, nationaler Interessen wegen. Auf 120 Seiten hat Kohl sein Europa-Credo zusammengefasst, für all jene, die weit nach ihm geboren sind und in der EU nicht länger das große kontinentale Friedensprojekt sehen, das es mit aller Kraft voranzutreiben gilt.

Kohl und seine Frau kämpfen auch für die Reputation

Für Kohl geht es an diesem Tag allerdings um mehr als nur sein Buch. Das macht seine Frau Maike Richter-Kohl gleich zu Beginn der Veranstaltung In Frankfurt deutlich. Sie sitze hier, um ihren Mann zu unterstützen. Schließlich sei so viel Falsches in die Welt getragen worden. Damit muss sie die umstrittenen Protokolle der Gespräche ihres Mannes mit dem Journalisten Heribert Schwan meinen, mit den harschen, bisweilen böswilligen Bemerkungen über etliche Weggefährten.

Denn die Zitate Kohls, die aus dem schmalen Band über das Wochenende hin publik wurden, sind nicht verfälscht. Die Kritik an der rot-grünen Regierung seines Nachfolgers Gerhard Schröder, an der zu frühen Aufnahme Griechenlands in die Euro-Gruppe, Rügen für die nach seiner Meinung zuletzt schlechten deutsch-französische Kooperation, Missfallen über den aus Kohl-Sicht zu harten Kurs Europas gegen Russland in der Ukraine-Krise – sie finden sich alle auf den 120 Seiten wieder.

Kohl und seine Frau, so scheint es an diesem Tag, kämpfen gemeinsam für Europa. Aber sie kämpfen auch um die Reputation und das Renommee des Altkanzlers, das in dessen Spendenaffäre so schweren Schaden genommen hat.

Kohls Laudator an diesem Tag, kein geringerer als der neue EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, findet, dass sich der alte Herr um seinen Ruf keine Sorgen machen muss. Juncker ist an seinem ersten Arbeitstag im neuen Amt nach Frankfurt gekommen, um den Altkanzler zu preisen. Der sei ein “moderner Patriot”, von “großer europäischer Weitsicht” und “geistiger Frische”. Kohl ist berührt, seine Frau flüstert ihm ab und an ins Ohr, er hört nicht mehr so gut.

Juncker widerspricht einigen Buchpassagen

Aber trotz allen Lobes ist Juncker, der Konservative aus Luxemburg und seit langem ein Freund Kohls, nicht mit allem einverstanden, was in dem Büchlein steht. Bekam Athen zu früh den Euro? “Griechenland hatte sich damals sehr angestrengt”, sagt Juncker. Ist die EU zu hart zu Russlands Präsident Wladimir Putin? Völkerrechtsverletzungen dürften nicht ungeahndet bleiben, sagt der EU-Kommissionschef.

Und das Nein Deutschlands und Frankreichs zur Teilnahme am Irak-Krieg an der Seite der USA, über das sich Kohl aus grundsätzlichen Gründen ärgert, beurteilt Juncker auch etwas anders. Er habe nie etwas von diesem Krieg gehalten. Aber der Streit in Europa zwischen Befürwortern und Gegnern dieser Militäraktion sei aus seiner Sicht vor allem aus jeweils innenpolitischen Gründen geführt worden. “Ja, ja”, stimmt ihm Kohl da zu.

Und schließlich geht es noch um die Frage, ob und wie Kohl dieses Buch verfasst hat und um die Rolle seiner Frau dabei. Maike Richter-Kohl klärt auf. “Mein Mann hat die Sachen im Kopf”, sagt sie. Ihre Aufgabe sei es gewesen, in den Archiven Unterlagen zusammenzusuchen. Der Autor findet, das Unterfangen habe sich gelohnt. “Das Buch ist ein schönes Buch geworden, ein wichtiges Buch in schwieriger Zeit”, sagt er. Und zum Schluss wünscht er noch “Viel Glück”. Vielleicht richteten sich diese beiden Worten an Juncker, der eine mutmaßlich schwere Amtszeit vor sich hat. Vielleicht meinte Kohl aber auch alle anderen im Saal.

von Susanne Höll