Empathie und Kalkül – untrennbar verschlungen

Die Welt.de
VON THOMAS SCHMID

Helmut Kohl strahlte einen fast kreatürlichen Willen zur Macht aus.
Dabei half ihm sein untrüglicher Sinn für das Private.
Das Porträt eines Staatsmanns

Es gibt viele Politiker, aber nur wenige Staatsmänner. Was unterscheidet den Staatsmann vom Politiker? In seinem neuen Buch, das den majestätischen Titel “World Order” trägt, gibt Henry Kissinger mit Blick auf Kardinal Richelieu eine Antwort auf diese Frage. Ein Staatsmann müsse “am äußersten Rand des Möglichen agieren, er muss die Kluft überbrücken, die zwischen den Erfahrungen seiner Gesellschaft und ihren Hoffnungen, ihren Sehnsüchten klafft”. Legt man diesen Maßstab an, dann ist Helmut Kohl zweifellos ein Staatsmann. Zweimal hat er eine solche Kluft überbrückt: Als er die deutsche Einheit genau im richtigen Moment entschlossen bewerkstelligte, und als er den Euro – möglicherweise nicht im richtigen Moment – durchsetzte. Beides hat ihn zu einer politischen Ausnahmegestalt gemacht.

Dennoch gibt es kaum einen anderen Staatsmann, dem eine interessierte Öffentlichkeit so beharrlich die Eignung zum Politiker abgesprochen hätte. Seit er in jungen Jahren die politische Bühne in Rheinland-Pfalz betreten hatte, wurde er als Tölpel und als brutaler Machtmensch oder als beides dargestellt. Einer wie er war in dem kollektiven bundesdeutschen Bildungsroman, an dem viele Intellektuelle seit den 1950er-Jahren mitschrieben, nicht vorgesehen. Er schien so gar nicht in jene Republik zu passen, die weltläufig werden und alle altdeutsche Erdenschwere abwerfen wollte. Manche fürchteten ihn, viele machten sich lustig über ihn, und etliche schämten sich, dass einer wie er den neuen Staat repräsentierte.

Ein Blick in die Seele des Helmut Kohl? Helmut Kohl hat das von Anfang an ungeheuer geärgert. Es traf ihn schwer, dass er als “Birne”, als Trottel verspottet wurde. Doch das hat ihn aber auch nie anfechten können: Unbeirrt ging er seinen Erfolgsweg. Wie beides, tief sitzende Wut und unerschütterlicher Elan, zusammenpassen, darüber gibt er nun selbst unfreiwillig Auskunft in einem Buch, das gegen seinen Willen und gegen den seiner zweiten Ehefrau erschienen ist. In ihm sind Auszüge, oft nur Fetzen eines Gesprächs dokumentiert, das der Journalist Heribert Schwan Anfang des Jahrtausends insgesamt 600 Stunden lang mit Helmut Kohl im Keller seines Hauses in Oggersheim geführt hat. Schwan war der Ghostwriter der ersten drei Bände von Kohls Autobiografie, in die – so Schwan – zehn Prozent der Gespräche eingeflossen sind. Der vierte kam nicht mehr zustande, weil sich das Ehepaar Kohl mit Schwan überwarf. Dieser versorgt nun, zusammen mit seinem Koautor Tilman Jens, die Öffentlichkeit mit vielen neuen Brocken aus dem schier endlosen Lebensgespräch.

Beide Autoren tun das im Gestus verschärften Aufklärens. Man sollte das besonders ernst nehmen. Denn natürlich ist das Buch ein Sensationsbuch. Und es lebt nicht zuletzt von dem Thrill, es verschaffe dem Leser einen ungefilterten Einblick in die Seele des Helmut Kohl. Obwohl die Autoren mitunter durchaus versuchen, dem “Schwarzen Riesen” gerecht zu werden und ihm positive Seiten abzugewinnen, bestätigen sie im Einzelnen doch Punkt um Punkt die Urteile und Vorurteile, die gegen Helmut Kohl in Umlauf sind: grob, machtbewusst, der Sprache nicht wirklich mächtig, mit Elefantengedächtnis rachsüchtig, intellektuell ärmlich, egozentrisch und in seinem Selbstverständnis an Regeln und Gesetze nicht gebunden.

So gesehen, schreibt das Buch geschickt die Legende von einem Helmut Kohl fort, der unter dem verbindlichen bundesrepublikanischen Niveau geblieben sei. Ein gutes Beispiel dafür ist der Umgang mit einer Rede, die Helmut Kohl am 21. April 1985 in der Gedenkstätte Bergen-Belsen gehalten hat – also 17 Tage vor Richard von Weizsäckers Bundestagsrede am 8. Mai 1985, dem 40. Jahrestag der deutschen Kapitulation. Kohl hat es immer schwer geärgert, dass die Rede des Bundespräsidenten sofort kanonisch wurde, während seine Rede kaum zur Kenntnis genommen worden sei. Helmut Kohl: “Die eine Rede hat nie stattgefunden, und die andere ist eine Bilderbuchrede fürs deutsche Schulbuch. Das ist aus meiner Sicht ein kardinales Beispiel, wie man fälschen kann.” Starke Worte – zumal Kohl die Ansprache von Weizsäcker eine “Anbiederungsrede” nennt. Und doch hat er nicht Unrecht: Zwar funkelt seine Rede nicht so wie die des Bundespräsidenten, sie ist nicht so geschliffen – dafür ist sie aber, in ihrer Direktheit und sprachlichen Erdenschwere, überzeugend und beeindruckend. Kohl beginnt und endet mit einem Satz nach dem Buch Hiob: “Erde, verdecke nicht ihr Blut.” Kohl – man erinnere sich, er galt damals als Geschichtsrevisionist – sagt: “Der Zusammenbruch der NS-Diktatur am 8. Mai 1945 wurde für die Deutschen ein Tag der Befreiung.” Richard von Weizsäcker hat im Kern dasselbe gesagt, wenn auch eleganter. Kohl fasst diesen Zusammenhang zwar indirekter, und er gebraucht das passivische Wort “Zusammenbruch” – doch gerade darin wird deutlich, dass er auch für die große Zahl derer spricht, die ihre Zeit brauchten, um im schrecklichen Ende von 1945 die Geburtsstunde der Freiheit zu erkennen. Gerade weil diese Rede nicht auftrumpft und funkelt, ist sie groß: Sie zeigt die Mühe, der Geschichte ins Auge zu sehen. Tilman Jens setzt einen anderen Akzent. Herablassend erkennt er Kohls gute Absicht zwar an, tut dessen Ansprache aber als “eine eher konventionelle Gedenkrede” ab, in der es ihm nicht wirklich um die Sache gegangen sei. Wieder einmal eine Chance vertan, einen neuen Blick auf Helmut Kohl zu werfen.

Man hält sich daher am besten an die – meist sehr kurzen – Gesprächsauszüge, die die Autoren über die Seiten gestreut haben. Zwar kann der Leser nicht wissen, ob sie authentisch und nicht aus dem Zusammenhang gerissen sind – man gewinnt aber schon den Eindruck, dass hier der ungebremste Helmut Kohl spricht: unverstellt und sehr direkt. Leider erfährt man viel zu viel, was man – den unerschütterlichen journalistischen Kohl-Jägern zu Dank – schon weiß. Etwa seinen Hass auf die “Bremer Stadtmusikanten” (Biedenkopf, Geißler, Späth, Süssmuth), die ihn 1989 auf dem Parteitag in Bremen stürzen wollten. Wir erfahren, wie er die Partei dirigierte, wie er messerscharf zwischen Freund und Feind unterschied, wie er sich als Opfer sah und auch deswegen gerne schlug und zurückschlug.

Viel interessanter ist etwas anderes. Selten war so genau, ja so intim zu beobachten, wie nahe Größe und Kleinheit, Weisheit und Wahn, Hellsicht und Verworrenheit beieinander liegen können – und man ahnt, dass Helmut Kohl nicht die einzige Ausnahmepersönlichkeit ist, für die das gilt. Dieser Mann, der mit Geschick und Gerissenheit 16 Jahre lang die Bundesrepublik Deutschland regiert hat, ist groß, hat aber nichts Erhabenes. Da sprechen die 1950er-Jahre, da herrscht der Ton der Schulhöfe vor. Erstaunlich oft spricht dieser ungefilterte Kohl mit sichtlicher Lust rüpelhaft, mitunter jenseits der Grenze zum Zotigen. Wem es schlecht geht, der ist “am Arsch des Propheten”. Gegner sind “Gesocks”, “Arschbackengesichter”, “Lumpen”, und von sich selbst sagt er in der ihm eigenen Mischung aus Kleinmut und Selbstbewusstsein: “Ich hatte sicher Mängel, aber das größte Arschloch war ich nicht.” Frauen, die er nicht mag, kommen besonders schlecht weg: Rita Süssmuth (CDU) ist eine “Schreckschraube”, Hildegard Hamm-Brücher (FDP) ist “diese Spezialziege, eines der bösartigsten Weiber in der Geschichte der Republik”, und über die FDP-Politikerin Liselotte Funcke, die erste Ausländerbeauftragte der Bundesregierung, sagt er: Sie sei “bei allem, was im Leben schön und gut ist, zu kurz gekommen. Sie hätte eine evangelische Äbtissin werden können, aber dann hätten sich die Nonnen alle umgebracht.” Stärker kann der Tobak für die “Zeit”-Leser kaum sein. Aber man spürt: In dieser ungebremsten Bosheit steckt viel Lebenserfahrung.

Kohl hat seit seinen Teenagertagen als öffentliche Figur gelebt, und er verstand es, die für die öffentliche Sphäre gültigen Regeln weithin zu achten: als Landtagsabgeordneter, als Ministerpräsident, als Parteivorsitzender, als Bundeskanzler. Aber er blickte stets mit privaten Augen auf das Geschehen – jeden Politiker, jeden Verbandsfunktionär, auch jeden Staatsmann nahm er nicht in der Funktion, sondern als Menschenkind aus Fleisch, Blut, Leidenschaften, Fähigkeiten, Schrullen und Abgründen. Er pflegte einen egalitären Umgang mit Krethi und Plethi. Und es war genau dieser Schulhof-, Küchen- und Schlafzimmerblick, der ihn lehrte, was die Welt im Innersten zusammenhält, der ihn – wenn man will – weise gemacht hat.

Einmal sagt er: “Mich interessiert, wie die Menschen in ihrer Situation leben.” So hölzern das klingt, genau das machte seine politische Stärke aus, hier lernte er. Er hatte immer ein lebhaftes und facettenreiches Bild von dem, was im Land los war. Sein Blick reichte vom Bankett bis in die Waschküche. Das gibt seinen Einschätzungen oft etwas entwaffnend Klares. Für seine – die kritischen Auguren immer wieder überraschenden – Wahlerfolge findet er eine so wuchtige wie schlichte Erklärung: “Warum haben die Leute immer den Gleichen gewählt? Das ist furchtbar einfach: Die wollten einen Herrscher haben.” Ja, so war es. Und doch stimmt es ja gar nicht: Keiner hat wie Kohl die alte Bundesrepublik verkörpert, in der es vieles gab: Wertewandel, Zivilgesellschaft, Sozialglaube – aber gewiss keinen Herrscher. Allenfalls so: Kohl war der Herrscher einer herrschaftslosen Gesellschaft.

Immer wieder gelingen Helmut Kohl lebensweise Charakterisierungen. Über den CDU-Politiker Bernhard Vogel sagt er: “Er ist bis ins Alter typologisch Junggeselle geblieben. Er gehört zu jenen Menschen, die vom Frühjahr direkt in den Herbst gehen. Er hat keinen Sommer. Er hat jugendlich spritzig begonnen. Der Sommer fiel aus.” Über den CDU-Politiker Matthias Wissmann, den er – der immer nach jungen Talenten Ausschau hielt – als jungen Mann zum Minister machte: “In einem bestimmten Zeitabschnitt war er lausbübisch, aber er war kein Großer. Er hat bei der Verjüngung nichts erbracht, weil er typologisch ein alter Mann ist.” Über den Manager Hartmut Mehdorn: “Kein Felsbrocken, sondern ein Riesenkiesel.” Oder über den niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht (CDU), den Vater von Ursula von der Leyen: “Ernst Albrecht hatte eine eigenartige Religiosität, war ein Mittelding von evangelisch, katholisch und Rudolf Steiner.” Und Kohl braucht nur fünf Worte, um Hans-Dietrich Genscher so zu charakterisieren, dass man ihn als Minister und FDP-Chef förmlich vor sich sieht: “Er schlich sich FDP-mäßig durch.”

Der Politiker Kohl hatte die Fähigkeit, Menschen, die ihm begegneten, gewissermaßen auszuziehen. Er blickte hinter Kleidung und Verkleidung, er nahm das human being wahr. Mit diesem Vermögen konnte er milde und fürsorglich, ebenso aber auch berechnend und brutal umgehen. Entwaffnend formuliert er: “Ich zog nie friedlich meines Weges.” Wohl wahr, wir wissen es, wir haben es erlebt. Hört man aber etwas genauer in den Satz hinein, dann vernimmt man ein eichendorffsches Echo: Wie viele, nicht nur der Taugenichts, zogen in seiner Prosa ihres Weges! Und einmal gelingt Helmut Kohl – es geht ausgerechnet um Prof. Dr. Kurt Biedenkopf – eine geradezu bukolische Wendung: Es ist 1976, vor dem Bundestagswahlkampf, in dem Kohl mit 48,6 Prozent (gegen 42,6 Prozent für die SPD) zwar gewinnen, aber doch nicht Bundeskanzler werden wird. Kohl und Biedenkopf treffen sich am Wolfgangsee, am Urlaubsort des Kandidaten. Kohl: “Biedenkopf und ich lagen bei strahlendem Sonnenschein auf der Wiese. Er erklärte mir dann, es sähe gut aus für die Wahl, und er wolle Verteidigungsminister werden. Ich hatte nichts dagegen.” So einfach, so schön konnte die alte Bundesrepublik sein.

Kohl hat das Instrumentarium der Politik beherrscht. Und er war auch deswegen stark, weil er Politik gewissermaßen als Privatveranstaltung betrieb: “Ich war sozusagen mein eigener Ombudsmann.” Er lebte ganz in seiner Polit-Stube, nicht im Grundgesetz. Das achtete er, aber nicht zu sehr, denn er wusste, es gibt eine große und entscheidende Welt jenseits davon. Andere Politiker wissen das auch, versuchen aber, diese Einsicht vor sich selbst zu verbergen. So sehen sie dann irgendwann wirklich so aus, wie sie erscheinen wollen. Kohl nicht. Er strahlte immer einen fast kreatürlichen Willen zur Macht aus, den er nicht versteckte, dessen er sich nie schämte.

Das ist der tiefere Sinn des Umstands, dass er stets Pfälzer geblieben ist, dass er mit Lust seine Ursprünge umarmte. Er ging in die Welt, und er blieb zu Hause. Niemand konnte ihn mit Fremdheit oder Weltläufigkeit oder Frechheit beeindrucken: der staatsstatuarische François Mitterrand nicht, der Saxophonist William Jefferson Clinton nicht und auch nicht die Gemüsehändlertocher Margaret Thatcher mit dem Täschchen. Vor Kohls Blick waren alle Menschen gleich. So wusste er sie zu nehmen. Mit Bill Clinton hat er einmal über beider Mütter gesprochen. Als davon im Gespräch mit Heribert Schwan die Rede ist, merkt er lebhaft an: “Wir müssen unbedingt schreiben, dass ein Gespräch mit Männern über Mütter einer der erfolgreichsten Schlüssel ist. Ich glaube, dass ein Gespräch über Mütter sehr viel aufschlussreicher ist als ein Gespräch über die eigenen Frauen. Da weiß man nie, wo man gerade hintappt. Bei dem Thema Mutter ist die Gefahr, sich zu vertun, sehr viel geringer, und man betreibt charakterlich eine andere Studie.” Das ist fast der ganze Kohl: Empathie und Kalkül sind untrennbar ineinander verschlungen.

Dass Helmut Kohl sich nicht erschüttern ließ, dass er Intrigen früh durchschaute, dass er seine Verhandlungspartner so gut zu nehmen wusste – das liegt eben daran. Kohl: “Beziehungen und Bindungen sind nun einmal eine eigene Welt.” Manchmal flog er mit ein paar Getreuen zum Kloster Maria Laach und nahm an der Abendandacht teil: “Dann gingen wir zum alten Abt, mit dem wir die Welt bekakelten, und ob der Glaube noch stark ist. Die hatten wunderbaren Wein, wir tranken meistens zwei, drei Flaschen Trierer Auslese.” Die Welt der alten Bundesrepublik konnte sehr in Ordnung sein. Es gibt sie nicht mehr. Vielleicht war sie zu einfach, zu unterkomplex, zu sehr auch mit Herkunft imprägniert.

Der Helmut Kohl dieser Gespräche legt aber eine bemerkenswerte analytische Schärfe an den Tag. Anders als in den Büchern, in denen er als Autor firmiert, fehlt dann, wenn er von der Wiedervereinigung spricht, das Weihrauchfässchen ganz. Die Wirtschaft war’s, die der DDR das Licht ausgeblasen hat, nicht der Pastorengeist. Irrig, sagt Kohl, sei die Annahme, “der Heilige Geist sei über die Plätze in Leipzig gekommen und habe die Welt verändert”. Dieser materialistische Realismus ist gute bundesrepublikanische Tradition, Kohl hat sie verkörpert. So unterkomplex war sie vielleicht gar nicht.

Schade, dass sich die Diskussion über Helmut Kohls Kellergespräche bisher ausschließlich mit dem Skandalisierbaren befasst hat: Kraftworte, Beleidigungen, Rundumschläge. Schade aber vor allem, dass sich Schwan und Kohl zerstritten haben. Hätten sie dazu gefunden, die 600-Stunden-Gespräche in einer halbwegs ungefilterten Weise der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und so den allzu staatstragenden Pfad der kohlschen Autobiografie zu verlassen – es hätte ein Buch entstehen können, das mehr über die überraschende Blüte der Bundesrepublik aussagt als die vielen Kilometer von Akten aus dem Bundeskanzleramt, die noch unter Verschluss sind und die uns dereinst auch nicht werden erklären können, was diesen tief gestapelten, so banalen und so großartigen Staat so stabil gemacht hat.