Kohl kanzelt Biografen als verrückt ab

RP Online
Berlin. Die Klage gegen das “Vermächtnis”-Buch des Journalisten Heribert Schwan begleitet der Altkanzler nun mit einem “Stern”-Interview, in dem er auch sein aktuelles Privatleben schildert. “Ich bin glücklich”, sagt er zu seiner zweiten Ehe.
Von Gregor Mayntz

Eine Buchvorstellung bei der Messe in Frankfurt, nun eine Homestory in der Illustrierten “Stern” mit kräftigem verbalen Austeilen gegen seinen früheren Biografen Heribert Schwan: Sechseinhalb Jahre nach seinem schweren Treppensturz füllt sich der Terminkalender des Altkanzlers. Trotz seines gesundheitlichen Handicaps zeigt Helmut Kohl vor und hinter den Kulissen Präsenz bis hin in die Tagespolitik. So warnt er davor, den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán wegen dessen Vorgehen gegen die Meinungsfreiheit zu verurteilen. “Er ist ein großer Europäer, er denkt und handelt europäisch”, meint Kohl.

Gewöhnlich fällt es immens schwer, den seit Jahren im Rollstuhl sitzenden Altkanzler zu verstehen. Das stellt aber kein Problem für Kohl dar, die Tagespolitik intensiv zu beobachten und sich zuweilen durch Telefonate mit Akteuren und Experten ein eigenes Bild zu machen. Im früheren und im aktuellen Umfeld des Altkanzlers gehen die Meinungen deshalb sehr weit auseinander, ob Kohl von seiner zweiten Frau Maike Kohl-Richter regelrecht abgeschottet wird und diese den Zugang zu ihm genauestens kontrolliere. Oder ob alles von ihm mitbestimmt wird. Schwan vermutet, Kohl-Richter beanspruche die alleinige Deutungshoheit über Kohl und sein Wirken.

Von daher ist es bemerkenswert, dass Kohl sich für den medialen Gegenschlag gegen Schwan nicht etwa das Blatt seines persönlichen Freundes Kai Diekmann, die “Bild”-Zeitung, aussuchte, sondern den traditionell linksliberal aufgestellten “Stern” – und damit eine Richtung, der sich auch der frühere WDR-Mann Schwan zugehörig fühlt.

In einem in seinem Haus in Oggersheim geführten Interview habe es der Altkanzler als Fehler bezeichnet, Schwan vertraut zu haben, berichtet der “Stern”. Schwan sei, so Kohl, “verrückt”.

Schwan hatte im Jahr 2001 auf Initiative Kohls viele Monate hindurch regelmäßig mit dem Altkanzler über dessen privates und politisches Leben gesprochen und den über 600 Stunden umfassenden Tonbandmitschnitt zur Grundlage der ersten Biografie-Bände Kohls gemacht. Schwan schilderte im Gespräch mit unserer Zeitung, dass Kohl die spätere Veröffentlichung damals ausdrücklich gewünscht habe und bei Details, die er habe geheim halten wollen, jeweils das Band ausmachen ließ.

Als Kohl nun gerichtlich die Herausgabe der Tonbänder und aller sonstigen Aufzeichnungen verlangte, stellte Schwan eine Reihe besonders drastischer Beschreibungen Kohls über die Qualitäten von auch heute noch bekannten Politikern zusammen und veröffentlichte sie mit Beschreibungen über Kohls Regierungs-, Partei- und Finanzierungssystem unter dem Titel “Das Vermächtnis: Die Kohl-Protokolle”. Kohl bestreitet nun im “Stern”-Gespräch, dass Schwan das Material habe verwenden dürfen. Kohls Ehefrau nannte in dem gemeinsamen Gespräch mit der Illustrierten den ehemaligen Biografen einen “Wichtigtuer”, der geistiges Eigentum gestohlen habe.

Die Protokolle entstanden in einer Phase, in der Kohl von der politischen Öffentlichkeit und auch von seiner eigenen Partei wegen seiner Rolle in der Parteispendenaffäre gebrandmarkt war und er sich offenkundig um seinen Platz in der Geschichte als “Kanzler der Einheit” sorgte. Inzwischen haben viele ihren Frieden mit Kohl gemacht und ihn etwa in der Unionsfraktion und bei offiziellen Feierstunden mit viel Beifall empfangen.

In dem Interview sprechen der 84-jährige Kohl und seine 50-jährige Frau auch von ihrer Liebe. “Ganz eindeutig: Ich bin glücklich”, gibt der Altkanzler zu Protokoll. Ihre Ehe sei Ausdruck von Liebe und tiefer Verbundenheit, und sie liebe ihren Mann sehr, fügt seine Frau hinzu. “Ich würde das alles wieder tun”, betont sie.

Dagegen räumt der Altkanzler ein, mit seinen zwei Söhnen Peter und Walter Probleme zu haben. “Wir haben kein gutes Verhältnis”, erklärt Kohl und weist darauf hin, dass er sie auch nicht sehen wolle. In dem Gespräch reagiert seine Frau zudem auf Vorwürfe, ihren Mann in die Öffentlichkeit zu zerren. “Unser Leben ist nicht so negativ, wie die öffentliche Darstellung über uns ist”, berichtet sie. Es sei ihr schwergefallen, in das Haus zu ziehen, in dem Kohl mit seiner ersten Frau Hannelore gewohnt, und in dem diese sich das Leben genommen hatte.

Quelle: RP