Kohls Bauchrednerin, die «Familienzerstörerin»

Beitrag auf derbund.ch von Dominique Eigenmann

Helmut Kohls Witwe Maike Kohl-Richter entführt den offiziellen Trauerakt für den Ex-Kanzler nach Strassburg, um ihn dem «undankbaren Deutschland» vorzuenthalten. Was treibt sie an?

Es wäre leicht, die Geschichte von Maike Kohl-Richter als die einer bösen, rachsüchtigen Witwe zu erzählen. An Material dafür fehlt es nicht. Die 34 Jahre jüngere zweite Frau des Ex-Kanzlers habe ihn fast zehn Jahre wie einen Gefangenen gehalten, klagen Kohls Söhne aus erster Ehe. Sie habe ihn von alten Freunden, Weggefährten und schliesslich auch von ihnen, seinen Kindern, getrennt, um ihn ganz für sich zu haben. «Familienzerstörerin» wurde sie darauf in der Öffentlichkeit geschimpft, Helmut Kohl, der zusehends hinfällige Riese, als «Geisel von Oggersheim» bedauert.

Nach seinem Tod verschärfte sich der feindselige Ton. Maike Kohl-Richter habe es mithilfe von Kohls altem Freund, dem EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker, geschafft, den offiziellen Trauerakt nach Strassburg zu «entführen». Sie habe damit Deutschland das Recht auf ein würdiges Gedenken an den Kanzler der Einheit «gestohlen», schrieben deutsche Medien. Zu sagen, die 53-Jährige sei in Deutschland umstritten, wäre schwer untertrieben. Dämonisiert, ja verhasst, trifft es besser.

Fest steht, dass Maike Kohl-Richter praktisch allein darüber bestimmt, was mit ihrem berühmten Mann nach seinem Ableben geschieht. So will es nicht nur sie, so wollte es auch Kohl. Und da nur die Witwe seinen letzten Willen wirklich kennt, ist ihre Macht vollkommen.

Am Anfang stand die Liebe

Maike Kohl-Richter ist Kohls Bauchrednerin – sie spricht für ihn, durch ihn und in seinem Namen. Das ist nicht erst heute so, so begann ihre Beziehung. Maike Richter war 30 Jahre jung, als sie als Referentin in Kohls Bundeskanzleramt in Bonn eintrat. Ehemalige Mitarbeiter erinnern sich an eine leidenschaftliche promovierte Volkswirtschafterin, die klug und scharf formulierte und Helmut Kohl verehrte. Ihre Aufgabe bestand auch darin, dem Kanzler Reden zu schreiben. Man könne dies nicht tun, ohne sich in den Auftraggeber tief einzufühlen, sagte sie später. So kam sie Kohl nahe. Verschiedene Quellen berichteten, der verheiratete Kanzler habe bald eine Affäre mit der jungen Frau begonnen. Erstaunlich häufig habe sie abends dem Chef noch die Aktenlage erklären müssen, rapportierte der «Spiegel».

Aus Rücksicht auf die Öffentlichkeit und die Ehefrau sei die Beziehung allseits verheimlicht worden. Kohls Ehe sei ohnehin nur eine Fassade gewesen, verriet der ehemalige Freund und politische Weggefährte Heiner Geissler der «Süddeutschen Zeitung». Heribert Schwan, Biograf von Hannelore und Helmut Kohl, sagte schon vor Jahren, dass die Ehefrau von der Affäre gewusst habe. Dies habe die Verzweiflung verstärkt, die sie 2001 in den Tod trieb.

Die Frau war bereit, sich für ihren hilflosen Mann aufzuopfern, wollte ihn dafür aber auch möglichst für sich allein haben.

Als Paar traten Helmut und Maike Kohl erstmals 2005 öffentlich auf. 2008 erlitt der Ex-Kanzler bei einem Sturz auf der Kellertreppe ein schweres Hirntrauma und wurde pflegebedürftig. Das war für beide der Moment der Entscheidung. Das Paar heiratete, und die zweite Frau begann, dessen Leben rigoros neu zu gestalten. Am Anfang stand die Liebe. Aber der schwere Unfall zwang das liebende Paar sogleich zu einem einschneidenden Tauschhandel: Die Frau war bereit, sich für ihren hilflosen Mann aufzuopfern, wollte ihn dafür aber auch möglichst für sich allein haben. Der alte Herrscher legte sein Leben in die Hand seiner jungen Frau, die für ihn sorgte, und war im Gegenzug bereit, die Beziehung zu seinen alten Freunden, Weggefährten und selbst zu seinen Kindern zu opfern.

Die Söhne Walter und Peter waren zur Hochzeit schon nicht mehr eingeladen. Der enge Vertraute «Ecki» Seeber, der 46 Jahre lang Kohls Fahrer und Domestike für alles gewesen war, musste von einem Tag auf den anderen die Schlüssel abgeben. Aus dem Bungalow im Ludwigshafener Ortsteil Oggersheim wurde eine Festung, deren Zugbrücke Maike Kohl-Richter bewachte. Hinein durften nur noch Staatsgäste, die Kohl mit einem Besuch beehrten, und handverlesene Vertraute, die der neuen Frau und dem alten Hausherrn gleichermassen genehm waren.

«Weil du bist, wie du bist»

Maike und Helmut Kohl schweisste das neue Regime zusammen. Es seien unheimlich harte Zeiten gewesen, erinnerte sich die Frau 2014 in einem seitenlangen Interview mit der «Welt am Sonntag». Gleichzeitig seien sie immer auch glücklich gewesen, weil sie einander geliebt und zueinander gehört hätten. «Warum vertraust du mir so?», frage sie ihn manchmal. Dann antwortete er: «Weil du du bist.» Bereits 2012 hatte der greise Koloss öffentlich bekannt: «Ohne sie wäre ich nicht mehr am Leben.»

So gut es ging, arbeitete das Paar gemeinsam daran, Kohls politisches Erbe ins beste Licht zu rücken. Sie schob ihn im Rollstuhl auf alle Bühnen und an alle Ehrentische. Gemeinsam durchforsteten sie Akten. Der Mann erinnerte sich, die Frau formte aus dem Gefundenen Reden und Bücher. Je schwerer es Helmut Kohl fiel, selber zu sprechen, umso mehr sprach sie für ihn. Schon 2012 hiess es, er könne maximal noch zehn bis fünfzehn Minuten reden – am Tag. 2015 verschlechterte sich sein Zustand noch einmal erheblich, Testamente wurden ergänzt, Grabstellen ausgesucht, seine Frau fürchtete wochenlang um sein Leben. Danach war er hilf- und praktisch sprachlos. Ein Besuch bei ihm sei von da an eigentlich stets ein Besuch bei seiner Frau gewesen, sagen Freunde, die in der Festung noch geduldet waren.

Je schwerer es Helmut Kohl fiel, selber zu sprechen, umso mehr sprach sie für ihn. Schon 2012 hiess es, er könne maximal noch zehn bis fünfzehn Minuten reden – am Tag.

Nach seinem Tod ist Maike Kohl-Richter nun Helmut Kohls einzige Stimme geworden. Jedenfalls ist das die Idee. Der Tote hat ihr die alleinige Entscheidungsgewalt über den gesamten Nachlass übertragen. Darüber hinaus beansprucht sie die Deutungshoheit über den Platz ihres Mannes in der Geschichte. Sie hält ihren verstorbenen Geliebten für einen der grössten Staatsmänner, die je gelebt haben. Dass das in Deutschland zu wenig anerkannt werde, empört sie. Ein bisschen geht es ihr wohl auch um ihren eigenen Anteil an der grossen Geschichte. Wie der ehemalige Kanzler teilt sie die Welt prinzipiell in Freund und Feind, Gut und Böse. Entsprechend wittert sie allenthalben Missgunst, Undankbarkeit und Verrat. «Sie hat mit Gott und der Welt Krieg angefangen für ihre Idee von Helmut Kohl», sagte ein Vertrauter der «Süddeutschen Zeitung» schon vor Jahren.

Deutschnationale Gesinnung

Politisch steht Maike Kohl-Richter nach dem Urteil von Beobachtern weiter rechts, als es der konservative Kohl jemals war. Die 68er seien kein Gewinn für Deutschland gewesen, sagte sie im besagten Interview. Gefragt nach dem Erbe dieser Zeit, fällt ihr nur die Mordlust der Roten-Armee-Fraktion ein. Sie glaubt, in der Spendenaffäre sei ihrem Mann «furchtbares Unrecht» geschehen. Biograf Schwan hat ihre politische ­Gesinnung ohne Umschweife «deutschnational» genannt. Maike Kohl-Richter ist zum heutigen Deutschland auf Distanz, nicht nur zu Angela Merkel und deren weichgespülter CDU.

Sie habe Juncker vorgeschlagen, kein Deutscher solle am Trauerakt in Strassburg reden, berichteten mehrere deutsche Medien. Sie sei nur schwer davon abzubringen gewesen. Ein wenig muss die Witwe die Zugbrücke für den Sarg nun doch öffnen. Auch Merkels Stimme wird zu hören sein. Die der Söhne nur aus dem Off.