Leserbrief zum Buch “Vermächtnis- Die Kohl-Protokolle”

Seit Erscheinen des Buches „Vermächtnis- die Kohl-Protokolle“ werden die Autoren Schwan und Jens übel beschimpft und sogar hässlich bedroht. Es gibt aber auch sehr viel konstruktive Kritik. Unter den Reaktionen ist das allgemeine Lob  schon lange in der Überzahl. 
Eine besonders gelungene Rezension sollte den Lesern nicht vorenthalten werden:
Lieber Herr Schwan,

ich möchte Ihnen und Ihrem Co-Autor, Tilman Jens, ganz herzlich zu Ihrem einzigartigen neuen Buch gratulieren! Ich habe es soeben aus der Hand gelegt und bin hochgradig begeistert.

Einzigartig ist Ihr Buch nicht zuletzt deswegen, weil hier die unautorisierte, nicht geschönte Aussage der biografierten Person zu Grunde gelegt bzw. auch zum Ausdruck gebracht wird. Ich weiß nicht, ob dies in größerem Maßstab schon in anderen biografischen Publikationen stattgefunden hat. Insofern könnte man (was Sie sicherlich nicht voll gegenzeichnen) den Umstand, dass Ihre Beziehung zu Helmut Kohl durch Frau Kohl-Richter schnöde abgebrochen wurde, auch als Glücksfall der biografischen Geschichtsschreibung begreifen. Ich kenne die von Ihnen und Helmut Kohl verfassten Erinnerungen nicht (Sie schreiben, dass dort immerhin 10 % der Protokolle ihren Niederschlag gefunden haben), vermute aber, dass Kohls Äußerungen dort längst nicht so markant mit dem Licht der Wahrheit konfrontiert wurden, wie Sie und Tilman Jens es jetzt in Ihrem Buch geleistet haben.

Höhepunkte bei der Lektüre waren vor allem jene Passagen, in denen das System Kohl beleuchtet wurde, die hohe Bedeutung, die er der Beziehung zur Partei beimaß, sein Umgang mit den Spenden der Industrie, wie sehr er darunter gelitten hat, dass er in weiten Kreisen vor allem als Birne und als Provinzler wahrgenommen wurde; ferner natürlich seine diplomatischen Aktionen in den internationalen Auseinandersetzungen um die deutsche Einheit. Dies alles ist aus meiner Sicht viel interessanter als die Frage, wen er in jenen Jahren alles mit Verräter oder Schreckschraube titulierte (worauf sich ja die Medien sofort gestürzt hatten).

Hoch interessant war für mich aber auch seine menschlich–sinnliche Ausrichtung. Köstlich seine Beziehung zu Boris Jelzin („Wenn man mit jemandem nackt auf der Liege liegt, ist das etwas anderes, als wenn man gemeinsam im Konferenzsaal hockt“). Erschreckend aber auch, in welchem Ausmaß das persönliche Zueinanderstehen für ihn bedeutender war als die Kraft vernünftiger Argumente (so wie man es eigentlich nur von Mafia-Bindungen kennt). Kennzeichnend hierfür die Beispiele mit der Papenburger Werft oder mit dem damaligen SWF-Intendanten Hilf.

Interessant sind aber auch die Passagen, die auf tiefe Menschenkenntnis und hohes Verhandlungsgeschick schließen lassen. Bezeichnend, welchen Stellenwert er in seinen Handlungen der Symbolik beimisst. Anmerkungen wie die über die Wichtigkeit, sich in heiklen Verhandlungssituationen ausführlich über die eigenen Mütter auszutauschen, sind ein wahres Kleinod.

An einigen Stellen habe ich mich nicht mehr vor Lachen halten können: etwa die Besorgung von Kuchen im Vorzimmer von Stoltenberg, desgleichen die Begründung, mit der er die 50.000 DM Spende von Daimler-Benz an den Spender wieder zurückschickte.

Kompliment auch zur Dramaturgie Ihres Buches: es tut der Sache sehr gut, dass sie das Buch mit der Würdigung von Kohls großen Verdiensten haben ausklingen lassen.

Ich würde mir gern von Ihnen eine Widmung in das Buch schreiben lassen und habe dazu auch eine Idee. Sagten Sie nicht, dass Sie eine FC Köln-Fangruppe gegründet hätten? Vielleicht könnten wir bei einem der nächsten Heimspiele zusammentreffen! … Ich gehe davon aus, dass Sie – mit Blick auf den 1. FC Köln – in bester Stimmung sind: Borussia Dortmund ist gestern mit 2:1 besiegt worden.

Mit besten Grüßen
und allen guten Wünschen für den Start in eine Woche, die Ihnen sicherlich noch manches an Nacharbeit zu Ihrem Buch abverlangt!

Dr. Werner Schmidt-Faber