Schwan teilt aus

The Huffington Post13.10.2014

Jauch: Heftiger Streit um Helmut Kohls Vermächtnis –
Ex-Biograf Schwan teilt gegen das Polit-Establishment aus

KOHL

Am Ende hatte Günther Jauch die Situation wieder unter Kontrolle. Es kam nicht zu einem Talk-Desaster, so wie vor drei Wochen, als ein Prediger der Berliner Al-Nur-Moschee die Diskussion an sich riss und minutenlang über seine bisweilen fragwürdigen Positionen referieren durfte.

Und doch gab es Sonntagabend bei der Diskussion um den Umgang mit Helmut Kohls politischem Erbe einige Momente, in denen die Stimmung zu kippen drohte.

Schuld daran war vor allem Heribert Schwan, früher als Ghostwriter von Helmut Kohls Autobiografien tätig. Der WDR-Journalist hatte vergangene Woche ein Enthüllungsbuch über Kohl veröffentlicht.

Darin zitierte er aus über 600 Stunden Tonbandaufnahmen. Kohl kommt dabei nicht gut weg. Unter anderem nennt er Christian Wulff eine „Null“, Hildegard Hamm-Brücher eine „Spezialziege“ und Wolfgang Thierse ein „Volkshochschulhirn“. Über Angela Merkel sagt er lapidar, sie habe nicht mit Messer und Gabel essen können.

Schwan empfindet Mitleid mit Kohl

Trotzdem, so Schwan, empfinde er Mitleid mit der Situation des mittlerweile 84-jährigen, schwerkranken Altkanzlers. „Wenn ich sehe, wie er jetzt an die Öffentlichkeit gezerrt wird, das wäre nicht sein Wille gewesen.”

“Es schmerzt mich zu sehen, wie die neue Frau an seiner Seite ihn bei jeder Gelegenheit an die Öffentlichkeit zerrt. Unerträglich“, so Schwan. Er habe überdies nie eine Verschwiegenheitserklärung unterschrieben.

Mit der Auflösung seines Ghostwriter-Vertrages im Jahr 2009 sei das Geschäftsverhältnis zwischen ihm und der Familie Kohl beendet gewesen, er habe die Transskripte der Interviews danach verwenden können, wie er das für richtig halte.

Kohls Anwalt Stephan Holthoff-Pförtner konterte. „Natürlich besteht eine Verschwiegenheitsverpflichtung, allein schon durch konkludentes Verhalten (aus seinem bisherigen Handeln folgend, die Redaktion).” Derzeit versucht das Ehepaar Kohl, gerichtlich gegen das Buch vorzugehen.

Schwan faltete dann ein Schriftstück aus seiner Jackentasche heraus und warf Holthoff-Pförtner vor, er dürfe gar nicht in dieser Sendung sitzen, die Anwaltsordnung schreibe das vor.

Der Kohl-Vertraute antwortete trocken: „Ich finde das rührend, dass Herr Schwan sich Sorgen um meine Anwaltszulassung macht, aber das kriege ich schon hin.“

Stoiber war stinksauer

Der ebenfalls geladene ehemalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber war stinksauer auf Schwan. Er warf dem Journalisten vor, er wolle sich auf anderer Leute Kosten bereichern.

„Sie machen es aus ökonomischen Gründen und verraten damit das gegenseitige Vertrauen zwischen ihnen und Herrn Kohl. Nicht sie haben etwas Wesentliches gesprochen, sondern Herr Kohl hat etwas Wesentliches gesprochen. Es ist sein Vermächtnis, nicht ihr Vermächtnis.“

Der Vorwurf brachte Schwan dann seinerseits richtig in Fahrt. „Übrigens: Ihr Name kommt in den 600 Stunden Gesprächen nicht ein einziges Mal vor. So wichtig können sie für Helmut Kohl also nicht gewesen sein“, sagte der Journalist an die Adresse von Stoiber.

Ein Schlag, der gesessen hatte.

Der Bayer warf Schwan in der Folge vor, dass er das Andenken an Helmut Kohl verdunkeln wolle. Auch Brigitte Seebacher, die Witwe von Willy Brandt, nannte das Vorgehen Schwans „unterirdisch“.

Nur einer war an diesem Abend auf Schwans Seite: Der Spiegel-Journalist Nikolaus Blome. Aber der hatte genug damit zu tun, die Titelgeschichte zu erklären, die sein Magazin mit Schwan zusammen gemacht hatte.