Details

Eine Dokumentation von
Dieter Weiss und Rolf Steininger
Redaktion: Heribert Schwan

WDR, Teil 5 von 6
45 Minuten
08.11.09

Inhalt

Am 1. Oktober 1982 wird Helmut Kohl durch ein erfolgreiches konstruktives Misstrauensvotum von CDU/CSU und FDP als Nachfolger von Helmut Schmidt zum neuen Bundeskanzler gewählt. Für manche Intellektuelle ein Betriebsunfall der deutschen Geschichte. Sie hoffen auf eine kurze Episode. In seiner ersten Regierungserklärung kündigt Kohl eine Wende in der Sicherheits-, Wirtschafts- und Finanzpolitik an, wogegen seine Kritiker Klarheit über die angekündigte geistig-moralische Wende vermissen.
Das deutsch-französische und das deutsch-amerikanische Verhältnis bleiben die Grundpfeiler der Außenpolitik von Helmut Kohl. Seine erste Auslandsreise führt ihn vier Tage nach der Kanzlerwahl nach Paris, Mitte November in die USA. Nach umstrittenem, aber erfolgreichem Misstrauensvotum zur Auflösung des Deutschen Bundestages findet am 6. März 1983 eine vorgezogene Bundestagswahl statt. Die neue Regierung Kohl/Genscher will eine Legitimation durch den Wähler. Vor allem geht es um die Zustimmung zum NATO-Doppelbeschluss. Das Kabinett Kohl/Genscher wird durch die Wähler eindrucksvoll bestätigt.
In den folgenden Wochen stehen massive Proteste gegen den NATO-Doppelbeschluss an. Wie Dokumente aus Moskauer Archiven heute belegen, übte die Sowjetunion erheblichen propagandistischen und finanziellen Einfluss auf die Demonstranten aus. Gleiches gilt für die DDR, vor allem ihren Geheimdienst. Nach Zustimmung des Bundestages zum NATO-Doppelbeschluss, werden amerikanische Pershing-II Atomraketen in der Bundesrepublik stationiert. Ein Meilenstein in der Geschichte des Kalten Krieges und ein Zeichen der Zuverlässigkeit des bundesdeutschen Bündnispartners.
Trotz tief greifender Abneigung zueinander und gegensätzlichen Auffassungen auf vielen Feldern der Innen- und Außenpolitik gelingt eine Zusammenarbeit in den Beziehungen zur DDR. Bonn setzt auf Leistung und Gegenleistung, Geld für menschliche Erleichterungen, insbesondere im Reiseverkehr. Das Bundeskabinett beschließt im Juli 1983 die Bürgschaft für einen Bankkredit über eine Milliarde D-Mark für die DDR. Zuvor gelingt es Helmut Kohl, den bayrischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß in die außergewöhnliche Aktion einzubinden.
Mit dem Sinn für politische Symbole setzt Helmut Kohl im September 1984 zusammen mit Frankreichs Staatspräsident François Mitterrand auf dem Schlachtfeld in Verdun ein Zeichen der Versöhnung, das zum Vorbild für den Besuch des amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan auf dem Soldatenfriedhof Bitburg wird. Was damals als Geste der Aussöhnung über den Gräbern der Toten 40 Jahre nach Kriegsende gedacht war, entwickelt sich zu einem Skandal, weil auch junge Soldaten der Waffen-SS dort begraben liegen. Reagan wird deshalb in Amerika massiv bedrängt, den Besuch abzusagen, bleibt aber bei seiner Entscheidung.
Der Schlüssel für die deutsche Frage liegt nach wie vor in Moskau, wo seit 1985 Michail Gorbatschow der Kreml-Chef ist. Kohl vergleicht ihn in einem Interview mit dem NS-Propagandaminister Josef Goebbels. Das ist eine unentschuldbare Fehlleistung, die für einige Zeit in Moskau zu Irritationen führt.
Zu den großen medienwirksamen Auftritten führt die Rede des amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan am 12. Juni 1987 in Berlin. Vor dem Brandenburger Tor fordert er Gorbatschow auf, die Mauer einzureißen.
Noch im selben Jahr kann Erich Honecker endlich seinen ersehnten Besuch in Bonn machen. Lange Zeit unbekannt war, dass Bonn bei den Vorbereitungen zu diesem Besuch zur Bedingung macht, dass die Tischreden beim offiziellen Empfang live im DDR-Staatsfernsehen übertragen werden. Zu einer historischen Wendemarke wird dann der Besuch von Gorbatschow im Juni 1989 in Bonn, aus dem ein enges persönliches Vertrauensverhältnis zwischen Gorbatschow und Kohl entsteht.
Der Sommer 1989 wird beherrscht von den Ereignissen in Ungarn, das die Grenze für DDR-Flüchtlinge öffnet. Es folgt die Besetzung der Botschaften in Prag und Warschau und die Zustimmung der DDR zur Ausreise – mit Sonderzügen über DDR-Gebiet. Erinnert wird an die berühmte Pressekonferenz von SED-Politbüromitglied Günter Schabowski, das 10-Punkte-Programm Kohls, seine Rede in Dresden, die Wende in der Deutschlandpolitik des Kreml angesichts des wirtschaftlichen Chaos in der DDR und im eigenen Land. Beschrieben werden die ersten freien Wahlen zur Volkskammer in der DDR mit anschließender Wirtschafts- und Währungsunion und die Entscheidung der Volkskammer zum Beitritt der Bundesrepublik nach Artikel 23 des Grundgesetzes, der am 3. Oktober 1990 stattfindet.
Von den Zeitzeugen kommen – u. a. zu Wort: Helmut Kohl, Kurt Biedenkopf, Wolfgang Schäuble, Wolfgang Thierse, Hans-Dietrich Genscher, Günter Schabowski und Michail Gorbatschow.