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Schwan, Heribert / Fels, Ulrich

2017

Inhalt

Der Schwan und seine Federn - Anmerkungen zu einem Mammutprojekt

Hat er, der Umtriebige, der bekennende Verächter des Stillstands, der Freund der monumentalen Erzählung, sich in den Jahren seit seiner Pensionierung tatsächlich nur mit Kanzler Kohl oder den Kölner Kickern befasst? Die bislang rudimentäre Homepage mit den drei Warhol-bunten Köpfen legt den voreiligen Schluss in der Tat nahe. Doch weit gefehlt! Der Webmaster sieht sich darum zum Eingreifen genötigt.

Kurzum: Heribert Schwan hat in den zurückliegenden fünf Jahren klammheimlich Geschichte geschrieben, im wahrsten Sinne des Worts. Als studierter Historiker, der zugleich Journalist ist, ließ er sich auf ein entlegenes Feld seines Metiers entführen. “Meine Interessen sind weit gefächert”, erklärt Schwan auf Nachfrage, “aber dass ich mich einmal mit Pufferfedern, Hals- und Deckeldrahtringen, mit Bördelmaschinen und Betoneisenbiegern befassen würde, hätte ich kategorisch ausgeschlossen, bis mich Thomas Muhr, der persönlich haftende Gesellschafter von Mubea, des Weltkonzerns aus Attendorn, für die Idee zu begeistern begann, die Geschichte seines gewaltigen, global verzweigten Familienkonzerns zu erforschen.”

Der Auftrag hatte es in sich: 100 Jahre Muhr und Bender auf – sage und schreibe – rund 1000 Seiten! Am Anfang: ein Hund, der vielleicht auch den Blasebalg des Kettenschmieds Jodokus Muhr antrieb – am Ende: die hochtechnisierten Fabrikationsstraßen eines der wichtigsten Automobil-Zulieferers auf dem Erdball. Dieser Herausforderung, auf die Thomas Muhr den begeisterten Geschichtsforscher einschwor, konnte sich Schwan nicht entziehen, zumal es, wie sich bald herausstellen sollte, keineswegs nur eine Historie von technologischen Errungenschaften zu ergründen galt. Nein, 100 Jahre Mubea, das ist ein Kapitel Zeit- und Wirtschaftsgeschichte, strahlende Erfolgschronik und abgründige Familiensaga zugleich: Dallas und Denver an der Bigge!

Schwans Arbeitsbedingungen waren beispielhaft. Alle Archive, alle Akten und Korrespondenzen, sogar die persönlichen Tagebuch-Eintragungen des langjährigen spiritus rector des Unternehmens, Karl-Heinz Muhr, des “Doktors”, wie er mit Ehrfurcht genannt wurde, standen zur Verfügung. Die Karten auf den Tisch, hieß die Devise, jedenfalls bei der Recherche. 166 Zeitzeugen, vom CEO bis zum Monteur, gaben bereitwillig Auskunft.

So ließ sich in Kärrnerarbeit der vielfach verschlungene „Mubea-Way“, der im August 1916 mit der Gründung einer kleinen Federnfabrik mit einer winzigen Halle von gerade einmal 100 Quadratmetern seinen Ausgang nahm, bis in die Gegenwart nachzeichnen. Er führt steil nach oben – und doch durch Höhen und Tiefen. Darum ist in Schwans geradezu pedantischer Chronik, die nun in gleich zwei Versionen vorliegt, nicht nur von immer neuen Rekordmarken die Rede, sondern – jedenfalls in der Langfassung – auch von Paulina und Sergej, von Magdalena und Olga, von Iwan und Vera. Sie mussten – wie so viele – zu Zeiten des Nationalsozialismus bei Mubea Zwangsarbeit verrichten. Diese sechs aber haben den Frondienst in Attendorn mit ihrem Leben bezahlt. “Es gibt kein Vertun”, sagt Schwan, “auch die Firma Muhr und Bender war ein verlässlich schnurrendes Rad in der Maschinerie des menschenverachtenden NS-Staats – als Zulieferer der Rüstungsindustrie sogar dessen Profiteur.”

In dem Unternehmen, dem das Interesse des Autors in den vergangenen Jahren galt, spiegelt sich das Zeitgeschehen in unterschiedlichen Facetten.

Wo immer Schwan recherchierte, überall fand er paradigmatische Geschichten: Das gilt natürlich erst recht für die Zeit des rasanten Aufstiegs, nach dem Krieg, aber vor allem seit den 80er Jahren. Das Beispiel Mubea zeigt, was intelligente, konsequente Führung bewirken kann – und was droht, wenn eben diese fehlt. Eben dafür steht der Name Karl-Heinz Muhr, der Leader der dritten Generation: Sein halbes Leben hat er gegen unerbittliche innerbetriebliche Widerstände, gegen den Stamm des Geschäftspartners Bender, gegen den Vater, gegen den eigenen Bruder ankämpfen müssen, die das Unternehmen um ein Haar in den Ruin getrieben hätten. Mit langem Atem und strategischer Weitsicht hat er sie – zum Wohle der Firma – alle bezwungen. Seine Glanzleistung, unmittelbar nach der deutschen Einheit: die Expansion des Unternehmens in die neuen Bundesländer – und bald darauf auch nach Tschechien. Dahinter verbarg sich eine große Vision, die sich auszahlen sollte.

Die Expansion, die Entwicklung zum Global Player, schritt durch wohl überlegten Zukauf von bereits vorhandenen, aber ausbaufähigen Betrieben behutsam, doch kontinuierlich voran. Dabei schien das Risiko stets überschaubar. Im Zentrum des Mubea-Netzwerks, das bald bis nach USA, Asien und Lateinamerika reichen sollte, aber stand und steht das Mutterhaus in Attendorn, dessen Charakter, nunmehr in der vierten Generation, die Stammhalter der Muhrs bestimmen.

Schwans Elfhundert-Seiten-Fassung der Unternehmens-Studie, die es in ihrer genauen Recherche und dem sprachlichen Duktus mit den Firmengeschichten der BASF, der Dresdner Bank oder dem Bertelsmann-Konzern aufnehmen kann, bleibt unter Verschluss im Tresor des Unternehmens-Archivs. Zu viele unbequeme Fakten haben der Kölner Historiker und sein Team zu Tage gefördert, die eine breite Öffentlichkeit nichts angehen.

Eine autorisierte Kurzversion  mit über 400 Seiten für die 12.000 Angestellten in deutscher und englischer Sprache, ist reich bebildert. Koautor Ulrich Fels, langjähriger Mubea-Ingenieur und Personalleiter des Unternehmens, zeichnet verantwortlich für die Auswahl und Anordnung von aussagekräftigen Dokumenten und Fotos aus dem von ihm in mehrjähriger akribischer Arbeit aufgebauten Mubea-Firmenarchiv.


Bilder

The Mubea Way 1916 – 2016 - Kurzfassung


100 Jahre Muhr und Bender - Langfassung


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