Der Kanzler-Biograf aus Wallmenroth

Beitrag auf betzdorfer-blick.de von Daniel Pirker

Heribert Schwan geht Konflikten definitiv nicht aus dem Weg: Vergangenen Herbst spaltete er die deutsche Öffentlichkeit mit einem Buch über Helmut Kohl. Schwan hatte darin Zitate des Altkanzlers verwendet – gegen den Willen Kohls. Wie wurde aus Schwan der hartnäckige Charakter, der er heute ist? Seine alte Heimat Wallmenroth spielt da eine große Rolle. Eine Spurensuche.

Ein Blick auf Heribert Schwans Vita auf seiner Website lässt wenig Fragen offen. Da präsentiert sich jemand, der stolz auf das ist, was er in seinem Berufsleben erreicht hat: mit Preisen ausgezeichneter Fernsehjournalist, promovierter Dr. phil.. Und natürlich nicht zu vergessen: Bestsellerautor, der in Talkshows polarisiert.

Bei einem Gespräch in einem Café in Köln, wo er seit langem lebt, überrascht Schwan zunächst. Am liebsten, so der 70jährige, wäre er als Kind nämlich Bauer geworden. Auf einem Bauernhof neben seinem Wallmenrother Elternhaus hat der kleine Heribert die gesamte Freizeit während seiner Kindheit verbracht. Aber wieso wurde aus diesem Traum nichts? Immerhin wäre das zu damaliger Zeit im ländlichen Kreis Altenkirchen alles andere als außergewöhnlich gewesen – ganz im Gegenteil zu Schwans tatsächlichen Werdegang.

Der Grund findet sich bei seinem Elternhaus, das wiederum alles andere als gewöhnlich war für Wallmenrother Verhältnisse. Schwans Vater leitete nämlich die kath. Volksschule des Dorfes. Und der legte natürlich extremen Wert auf die Bildung seiner fünf Kinder – nicht immer zum Vergnügen von Schwan. Es verstand sich von selbst, dass der Bub Abitur machen sollte, was im Nachkriegs-Deutschland nicht unbedingt üblich war für einen Dorfjungen. Und da sah Schwan-Senior den Viertklässler nicht ausreichend vorbereitet von seiner Kollegin, die Schwan-Junior bis dahin unterrichtet hatte. Er sollte also vom Vater den „richtigen Schliff“ für die weiterführende Schule verpasst bekommen. Also musste Heribert Schwan ein weiteres Jahr die Schulbank in der Dorfschule drücken – diesmal aber unter der Regentschaft seines eigenen Vaters. „Das war das schlimmste, was man sich überhaupt vorstellen kann“, erinnert sich er sich heute noch. Sein Vater war äußerst streng, „leicht erregbar und sehr temperamentvoll“. Um ja nicht den Anschein zu erwecken, dass sein Sohn bevorzugt würde, hätte er ihn eher benachteiligt. Wenn auswendig gelernte Gedichte abgefragt wurden, konnte man sicher sein: Heribert wurde an zweiter oder dritter Stelle aufgerufen.
Aber alles in allem scheint auch Dankbarkeit aus dem 70jährigen durch, wenn er sich an seinen Vater zurückerinnert: „Es gab Weggabelungen, wo ich wahrscheinlich auch gescheitert wäre, hätten meine Eltern keinen Druck gemacht.“

Tatsächlich ist der erfolgreiche Fernsehjournalist und Bestsellerautor nicht ohne seinen oft so steinigen Bildungsweg zu erklären, inklusive diverser Niederlagen. Schließlich startete Schwan dann am örtlichen Freiherr-vom-Stein-Gymnasium. Aber seine Karriere dort währte nicht lange. Wieso? „Schlechte Leistungen“ und ein Skandal am Betzdorfer Gymnasium. Es hatte sich herausgestellt, dass dort ein Lehrer Nazi war. Und eine Aussage der älteren Schwester Schwans, zu diesem Zeitpunkt bereits Studentin, belastete diesen Verdacht. Das Klima wurde rauer für die „Schwäne“. Immerhin war der damalige Direktor ein guter Freund des verdächtigten Lehrers. Also wechselte Heribert Schwan auf ein Internat in Lahnstein.

Dieses Erlebnis muss prägend gewesen sein für seinen späteren Weg als Journalist und Autor, der auch gegen Widerstände für seine Position streitet. In Lahnstein wird Schwan schließlich Chefredakteur der Schülerzeitung, die laut ihm gerade für damalige Verhältnisse ziemlich „aufmüpfig“ gewesen sein muss laut.
Aber auch aus einem anderen Grund war der Schulwechsel gar nicht so schlimm.
Denn nun konnte er „seine große Liebe“, Schwan meint den Bauernhof, nur noch selten besuchen. Schließlich hätte die ihn von „Fleiß und Arbeit“ abgehalten, wie er es formuliert.
Den Bezug zu Wallmenroth und seinen Bewohnern verlor aber auch der Internatsschüler Heribert Schwan nie. Immerhin gab es ja noch die Wochenenden und die Ferien. Da konnte sich die Bauernfamilie auf Besuche von Schwan freuen, die sich wiederum mit Gegenbesuchen in Lahnstein revanchierte.

Tatsächlich hat Schwan den Kontakt zur Heimat nie abbrechen lassen. Wieder ist hier ein Blick auf seine Website aufschlussreich. Der PR-Profi lässt seine runden Geburtstage mit allem Tamtam professionell aufbereiten. Auf zahlreichen Fotos und in den Videos ist allerlei Prominenz in Szene gesetzt. Die ehemaligen Intendanten des WDR, Fritz Pleitgen und Friedrich Nowottny, strahlen um die Wette auf den Fotos. Auf der Seite zu Schwans 65. ist sogar eine Geburtstagsrede von Helmut Kohl zu sehen, für den er zum damaligen Zeitpunkt als Ghostwriter fungierte.

Und mitten zwischen den großen Welterklärern: bekannte Gesichter aus Wallmenroth. Schwan lädt jedes Mal seine komplette Volksschulsklasse ein. Und das musikalische Programm gestalten die Sänger vom MGV Liederkranz mit, die extra per Bus anreisen nach Köln. Tatsächlich hat Schwan einen ganz besonderen Bezug zu dem Wallmenrother Traditionsverein. Er selbst sang als in den 1950ern im Knabenchor mit.
Man muss sich den jungen Schwan als sehr umtriebiges Kind vorstellen. Denn Obermessdiener war er ebenfalls. Mit zwei anderen jungen Wallmenrothern baute er während dieser Zeit zum Beispiel die Mariengrotte über dem Friedhof.

Gleichzeitig fragt man sich zwangsläufig, ob das Lehrerkind und der Gymnasiast nicht automatisch einem Außenseiter-Status bei den gleichaltrigen Dorfkindern ausgesetzt war. Anscheinend nicht. Schwan sagt, er hätte nie Neider gehabt. Das ist sicher auch darauf zurückzuführen, dass er in den Gesprächen mit seinen alten Freunden die Themen Arbeit und Studium stets ausgeklammert hat.
Trotzdem sei im Vergleich mit Gleichaltrigen eine gewisse Arroganz gelegt worden, auch wenn er sie wohl nie offen zeigte. Er interpretiert das heute als eine Art Schutzreaktion auf den Leistungsdruck, dem er sich ausgesetzt fühlte. Dieser Drang, etwas leisten zu müssen, scheint ihm in Fleisch und Blut übergegangen zu sein. Aber so lassen sich auch Karrieren von hochrangingen Bankern und Firmenlenkern erklären, nicht die von kritischen Journalisten, die Gefallen an der Provokation haben – so wie Schwan. Sein Elternhaus war auch hier prägend. Der Vater war zwar nach außen ohne Frage streng, aber in religiösen Fragen ebenso liberal. „Er hatte immer Ärger mit dem Pfarrer“, erinnert sich der Sohn heute. Die Familie pflegte eine ganz besondere Streitkultur. „ Was bei uns die Fetzen flogen am Mittagstisch nach dem Gottesdienst.“ Es kam alles aufs Tablet, was die öffentliche Diskussion der 1960er bestimmte: Pille, Abtreibung, Kondome. Der Vater hatte immer Verständnis für kritische Anmerkungen.

Vor diesem Hintergrund ist es keine Überraschung, dass Schwan später beim eher links-liberalen WDR landet. Weit verwunderlicher ist da, wie sehr der Christdemokrat Helmut Kohl, Schwan als Vertreter des von ihm ungeliebten „Rot-Funk“ Vertrauen schenkt; ihn als Ghostwriter für seine Memoiren engagiert und ihm Zugang zu zeithistorischen Dokumenten gewährt, die der Nachwelt eigentlich für 30 Jahre verschlossen bleiben sollen.
Letztlich überzeugten Kohl die gleichen Charaktereigenschaften, die Schwan zu einem leistungsorientierten Journalisten werden ließen: die Leistungsorientierung und die Offenheit seines Elternhausen gegenüber verschiedenen Sichtweisen, verbunden mit einem starken Heimatbezug. Denn der Altkanzler hatte hohe Ansprüche, an einen Ghostwriter. Ohne Geschichtsstudium und Promotion hätte er keine Chance gehabt, erinnert sich Schwan. Außerdem hatte Kohl einen Narren an ihm gefressen, weil er ausgerechnet aus Betzdorf an der Sieg kam und damit einen Bezug zu seinem Bundesland, Rheinland-Pfalz, und dem Kreis Altenkirchen vorweisen konnte. Der Altkanzler nannte ihn oft „Betzdorfer“.
Betzdorf – die Stadt neben Wallmenroth, dort wo Schwan jedes Jahr an Allerheiligen seinen Vater und seine Mutter sowie einen guten Freund aus Volksschultagen an ihren Gräbern besucht.