Der Spion, der aus Höxter kam

Beitrag auf westfalen-blatt.de von Michael Robrecht

Höxter (WB). Wenn der Höxteraner Herbert Kloss (70) auf sein Leben zurück blickt, dann könnte ein »James Bond 007«-Filmstoff nicht spannender sein. Kloss war Ost-Spion! Unter dem Decknamen »Siegbert« hat er in Bonn bis zur Wende 1989 Politiker und Bundeswehroffiziere für die Stasi ausspioniert. Der bekannte Autor und ARD-Journalist Heribert Schwan widmet Herbert Kloss in seinem neuen Buch ein ganzes Kapitel, nennt ihn einen der Top-Agenten von DDR-Geheimdienstchef Markus Wolf.

»Ja, ich habe Spionage betrieben. Es ist passiert. Es war Kalter Krieg, und ich war politisch motiviert, die DDR über alle Aktivitäten der NATO zu informieren, um den Frieden zu erhalten«, sagt er im Gespräch mit dem WESTFALEN-BLATT. Er habe dafür bezahlt und sei verurteilt worden. Er kenne den Autor Schwan lange und gehe heute mit dem Geschehen und dem Geschriebenen offen um. »Sie können meinen Namen ruhig drucken, ich stehe auch im Internet«, meint Kloss, dessen Vita einem breiten Publikum im Kreis Höxter bisher nicht bekannt ist.

1967 Abitur in Höxter

Der Ex-Spion legte 1967 am König-Wilhelm-Gymnasium in Höxter das Abitur ab, studierte Medienpädagogik in Bonn, war Freier Mitarbeiter beim »Kölner Express«, PR-Mann für den SPD-Parteivorstand mit Kontakt zu allen Spitzenleuten von Brandt bis Wehner und »gehobener Redakteur« mit SPD-Parteibuch bei der Deutschen Welle in Köln, wo er arbeitete und zeitweise lebte.

Herbert Kloss alias IM »Siegbert« wird von Fachleuten in einem Atemzug mit dem Agenten »Topas« oder Kanzleramtsspion Günter Guillaume genannt. In dem Schwan-Buch, für das der Helmut-Kohl-Biograf und frühere ARD/WDR-Mann 81.000 Seiten Aktenmaterial über Stasi und Politiker auswertete, wird nicht nur über die größte Spionageaffäre nach dem Krieg, an dessen Ende Willi Brandts Rücktritt stand, berichtet. Günter Guillaume war nur die Spitze des Eisberges – es gab bis 1989 Tausende Stasi-Spitzel im »Operationsgebiet BRD«.

Im Visier der Stasi

Dr. Heribert Schwan will in seinem neuen und erst Ende September erschienenen 384-Seiten-Werk »Spione im Zentrum der Macht – Wie die Stasi alle Regierungen seit Adenauer bespitzelt hat« (Heyne-Verlag) anlässlich »30 Jahre Mauerfall« die Ausmaße der DDR-Spionage im Westen für den Leser nachvollziehbar machen.

Er zeigt, wie die Stasi das gesamte Bonner Spitzenpersonal ins Visier nahm, darunter auch die Kanzler, von Adenauer bis Kohl. Doch mehr noch, das MfS streute auch aktiv Fehlinformationen, um die BRD-Regierungen und führende Persönlichkeiten zu diffamieren. Schwan gibt Einblick in die Strategien, Pläne und Tricks der selbst ernannten »Kundschafter des Friedens« und erklärt, wie das Agentennetz funktionierte. Vier Jahrzehnte Stasi-Spionage: Das ist ein weitgehend unbekanntes, spannendes Kapitel Geschichte!

Herbert Kloss, der Wohnsitze in Köln und Höxter hatte, verkaufte vor einigen Jahren sein Haus am Bielenberg (Bergstraße) in Höxter und zog aus privaten Gründen in ein Dorf im südöstlichen Kreisgebiet, wo er bis heute lebt. Er sei krank, interessiere sich aber weiter zeitgeschichtlich stark und pflege viele Kontakte in die Geheimdienstszene und zu Politikern und Militärs. Er sei nie Kommunist gewesen und habe auch die SED oft kritisiert: »Mir lag der Erhalt des Weltfriedens am Herzen, deshalb habe ich spioniert«. Er habe nicht nur direkte gute Kontakte zum legendären DDR-Geheimdienstchef Markus Wolf und seinen Leuten, sondern auch zu vielen westdeutschen Politikern und Offizieren gepflegt.

Buch zu 30 Jahre Mauerfall

Autor Heribert Schwan schildert in seinem Buch, dass nach Recherchen des Oberlandesgerichtes Düsseldorf Herbert Kloss Spitzelberichte von sehr intimer Kenntnis verfasste: über die Personalstruktur des Militärischen Abschirmdienstes (MAD), über Arbeitsmethoden, Hilfsmittel und Abläufe, über Personalien, innerdienstliche Verwendung, Arbeitsstellen, Wohnorte und Telefonverbindungen, Gesundheitszustand, Hobbys und Parteizugehörigkeit einer Vielzahl von MAD-Mitarbeitern. »Siegbert« habe laut Schwan alles verraten, was er irgendwie über den westdeutschen Militärgeheimdienst in Erfahrung bringen konnte. Verzweifelt muss das Bundesamt für Verfassungsschutz gewesen sein. Viele Aktivitäten gegen Kundschafter wie Herbert Kloss aus Höxter liefen ins Leere.

Zu lesen ist auch, dass Militärexperte Kloss für die SPD ein sicherheitspolitisches Lexikon im Ollenhauser-Haus in Bonn anlegte. Dann wollte er über die Nationale Volksarmee der DDR promovieren. Nach von Heribert Schwan zitierten Ermittlungen des OLG Düsseldorf, wo Kloss nach U-Haft und Gerichtsverfahren 1993 verurteilt wurde, sei der junge Westdeutsche 1977 auf der Suche nach NVA-Archivmaterial nach Ost-Berlin gefahren. Hier habe er bereitwillige Unterstützer getroffen. Einer davon war Herbert Köhler, der in der Stasi-Zentrale das für die Ausspähung des MAD zuständige Referat leitete. Der überzeugte Wehrdienstverweigerer Kloss beeindruckte den Schlapphut, der in dem Höxteraner einen »Perspektivagenten« entdeckte. Köhler sagte »selbstlose Hilfe« zu – Kloss stieß dafür als IM »Siegbert« 1977 zur Stasi und knüpfte Kontakte zu hochrangigen MAD-Offizieren. »Ich habe viele Spitzenleute aus Politik und Militär persönlich sogar zuhause besucht«, schildert Kloss dem WB. Mit Stasi-Generalleutnant Markus Wolf sei er eng bekannt gewesen und habe an dessen Buch nach der Wende sehr aktiv mitgearbeitet.

Der umtriebige Kloss war sogar in die Bonner »Kießling«-Affäre Ende 1983 verstrickt, in der Verteidigungsminister Manfred Wörner politisch schwer unter Druck geriet. Herbert Kloss arbeitete für »Spiegel TV« später an einer viel beachteten Fernsehdokumentation über »General Kießling« mit.

Dossiers über 272 Personen

Im Schwan-Buch werden diverse Spionageaktivitäten von »Siegbert« aufgelistet. Über seinen Verrat wurde in der Ostberliner Normannenstraße frohlockt: »Röntgenbild des MAD« und »Top-Erfolg der DDR-Auslandsspionage« loben die Stasis. Die Vernetzung von Kloss in Ost und West wird als exorbitant bewertet. In einer Spitzelkartei hat Kloss Informationen über 272 Personen angelegt.

Gefängnisstrafe und dann freier Journalist in Höxter

Herbert Kloss ist nach der Wende von einem Stasi-Agenten an den bundesdeutschen Geheimdienst verraten worden. Er wurde am 25. September 1991 festgenommen und am 16. März 1993 vom OLG Düsseldorf wegen »geheimdienstlicher Agententätigkeit« – auch wegen des MAD-Coups – zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und sechs Monaten verurteilt. Zwei Jahre und vier Monate saß er im Gefängnis. Für die Verhängung einer höheren Freiheitsstrafe fehlten dem Gericht 1993, wie letztlich in allen Spionageprozessen der Nachwendezeit, die so wichtigen SIRA-Unterlagen. Stephan Konopatzky und seine Kollegen konnten der Quelle »Siegbert« (XV/4157/70) später 224 Einzelinformationen zuschreiben. Deren Lieferung begann 1980 und endete 1989. Die Dateien hätten bei der Strafbemessung vermutlich ihre Wirkung nicht verfehlt, schreibt Autor Heribert Schwan. Herbert Kloss zog nach zwei Jahren und vier Monaten Haft nach Höxter, wo er viele Jahre als freier Journalist tätig war. Dann zog er in ein Dorf im Südosten des Kreises.