Die Freiheit zu leben und zu sterben – Ein Bekenntnis | Tilman Jens

Zum Buch
»Mir wird keiner Grenzen setzen, die ich nicht akzeptieren kann.« So beschreibt Tilman Jens, der große Autor, Journalist und Schriftsteller, seine Lebenshaltung. Keiner – das heißt: auch der Diabetes nicht, der Zug um Zug von seinem Körper Besitz ergriff.
Tilman Jens stellt die großen Fragen, wenn er in diesem letzten Dokument seines Schaffens von seinem langsamen Dahinschwinden erzählt: Wie wollen wir unser Leben leben? Gestalten wir es selbst, gehen wir unseren eigenen Weg – oder lassen wir uns von anderen Menschen oder den Umständen vorschreiben, wie wir zu leben haben?
Wollen wir frei und selbstbestimmt leben, auch wenn es mitunter schwierig und schmerzhaft ist – oder passen wir uns an?
Und wie soll unser Sterben und Tod sein? Erleiden wir unser Ende – oder nehmen wir es selbst in die Hand?
Tilman Jens hat auf diese Fragen so klar und deutlich geantwortet, wie es nur irgend möglich ist: Mit seinem eigenen Tod hat er ein letztes Statement gesetzt.

Zum Autor
Tilman Jens (1954–2020) lebte als Journalist zuletzt in Leipzig. Er brach Tabus und sprach, filmte und schrieb mutig darüber, was ihm wichtig war. Als freier Autor und Filmemacher arbeitete er unter anderem für die ARD, Arte und 3Sat. Insgesamt veröffentlichte Tilman Jens elf Bücher. In den Medien breit diskutiert wurde sein Buch über die Erkrankung seines Vaters Walter Jens: Demenz. Abschied von meinem Vater (2009). Als Antwort auf diese leidenschaftliche Debatte veröffentlichte er 2010 Vatermord – wider einen Generalverdacht. 2011 folgte Freiwild. Die Odenwaldschule – Ein Lehrstück von Opfern und Tätern, eine Rückschau auf Jens’ Jahre in einem skandalumwitterten Internat; 2013 die Streitschrift Der Sündenfall des Rechtsstaats. 2014 erschien zusammen mit Heribert Schwan Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle. 2015 mit Du sollst sterben dürfen ein Buch zur Patientenverfügung und 2017 Stephen Bannon. Trumps dunkler Einflüsterer.

Vorbemerkung von Heribert Schwan
Vor uns liegt das letzte Projekt von Tilman Jens: Ein Buch über Diabetes sollte es werden, über seinen Diabetes Typ 2. Genauso ehrlich und rückhaltlos sollte es werden wie Demenz, das 2009 veröffentlichte Buch über den Abschied von seinem Vater Walter Jens – nur dass sein unerbittlich genauer Blick diesmal ihm selbst, dem eigenen Leben galt. Und so geriet es ihm unter der Hand zu mehr als dem geplanten Buch über seinen Diabetes, es wurde umfassender, autobiographisch. Es geht ums Leben, unterhaltsam, knapp und aufrichtig erzählt, sein ganzes Leben.
Zu großen Teilen hat Tilman Jens dieses Buch geschrieben, fünf von den geplanten sechs Kapiteln liegen vor. Es blieb unvollendet. Am 29. Juli 2020 hat er seinem Leben ein Ende gesetzt.
Wir lesen das Buch von diesem Ende her und begreifen: Tilman Jens erzählt von einem angekündigten Tod, von seinem Tod. Von der ersten bis zur letzten Seite geht es ums Sterben, um das unausweichliche Ende und wie damit umzugehen sei.
Hier spricht ein großer Autor, Journalist und Schriftsteller von einem Thema, das uns alle in der einen oder anderen Form bewegt: Wie wollen wir unser Leben leben? Gestalten wir es selbst, gehen wir unseren eigenen Weg – oder lassen wir uns von anderen Menschen oder von den Umständen vorschreiben, wie wir zu leben haben?
Wollen wir frei und selbstbestimmt leben, auch wenn es mitunter schwierig und schmerzhaft ist, oder passen wir uns an?
Und wie soll unser Sterben und Tod sein? Erleiden wir unser Ende – oder nehmen wir es selbst in die Hand?
Das sind die Fragen, die dieses letzte Buch von Tilman Jens durchziehen, es sind die Fragen, die im Zentrum der Debatte über das Recht auf einen selbstbestimmten Tod stehen. Mit seiner Entscheidung hat Tilman Jens auf diese Fragen so klar und deutlich geantwortet, wie es nur irgend möglich ist.

Untergehen gilt nicht
Vorwort von Tilman Jens

Ich bin einer von geschätzt über sieben Millionen Bundesbürgern, deren Zuckerstoffwechsel nicht mehr funktioniert. Ich weiß seit Jahrzehnten um den Befund und habe alles darangesetzt, die gravierenden Folgen der Diagnose zu verdrängen. Mein Körper gleicht einer Großbaustelle. Die Leistungskraft des Herzens nimmt ab, Augen und Ohren werden schwächer. Der Muskelabbau hat dramatische Züge angenommen, was vermutlich Folge eines neuen Diabetesmedikamentes ist.
Beide großen Zehen wurden mir wegen Durchblutungsstörungen amputiert. Ich muss damit rechnen, irgendwann ist der Vorderfuß dran. Dann werde ich ohne Prothese nicht mehr laufen können und meine Wohnung im dritten Stock kaum noch erreichen. Ich habe Angst vor Demenz, ich habe Angst davor, nicht mehr arbeiten zu können.
Ich will darüber nachdenken, wie ich mir diese Krankheit zugezogen habe. Was ich hätte verhindern können, verhindern müssen. So präzise wie irgend möglich werde ich von den Stationen ausgeschlagener Therapieangebote erzählen. An Chancen hat es nicht gefehlt. Mehr als zehnmal war ich in unterschiedlichen Kliniken und Sanatorien.
Der Weg von meiner frühen Begeisterung fürs Journalistenleben bis zum Verkennen meiner fatalen Krankheit scheint weit – ist es freilich nicht. Mich faszinierten Geschichten, die Probleme des Alltags schob ich beiseite und delegierte sie gern. Um Altersvorsorge habe ich mich nie ernsthaft gekümmert und in vollen Zügen aus dem Augenblick gelebt.
Was ich protokollieren möchte: Meine irreversible, über kurz oder lang todbringende Krankheit ist untrennbar mit meinem rastlosen Freiberuflerdasein verbunden, das ich über Jahrzehnte hinweg als schieres Glück, als vornehmliches Lebenselixier empfand. Der Beruf: ein Abenteuerspielplatz und ein Reservat von Widerständigkeiten zugleich. Ich habe in bald einem halben Jahrhundert so manchen Mächtigen, allzu Selbstgewissen in Kultur und Medien, in Staat und Kirche bekennend geärgert. Nicht selten habe ich kräftig Prügel dafür bezogen.
Ich habe, stets auf der kompromisslosen Suche nach einem neuen Arbeitsabenteuer, Freundschaften verkommen lassen, Vorgesetzte, auch solche, die es gut mit mir meinten, mit meiner gelegentlich wenig diplomatischen Art, meiner Lust an der Fehde für immer vergrätzt. Treu geblieben bin ich in der Rückschau nur meinem Beruf. Für ihn habe ich sehenden Auges, bewusst, meine Gesundheit, meine Existenz aufs Spiel gesetzt.
Nein, ich hadere nicht, aber ich habe vieles kaputtgeschlagen und alles, was meinem Erkundungswahn im Wege stand, ohne Rücksicht auf Verluste wie ein Bulldozer beiseite geräumt. Gelegentliche Ängste und Selbstzweifel habe ich mit viel gutem Essen und gehörigen Mengen Alkohol kompensiert. Hedonismus als Variante des Verdrängens. Für meine sich langsam ausbreitende Krankheit war in meinem Leben kein Platz. Ich habe nicht über den Tellerrand geschaut – und bin mir am Ende selbst abhandengekommen – aber: Schön, turbulent und aufregend war es doch! Das faszinierende Bild von der Kerze, die an beiden Enden brennt … Reue empfinde ich nicht, ganz im Gegenteil – auch wenn das Ende vermutlich bitter sein wird und mir in der konkreten Vorstellung Angst macht.
Mein Lebensplan war eindeutig: Arbeiten, solange es irgend geht. Und wenn dann die Kräfte eines Tages nicht mehr reichen, in Dankbarkeit und mit Trotz aus dem Leben scheiden: Schlaftabletten, eine Flasche Wodka und eine übergestülpte Plastiktüte. Hemingway hat’s auf seine Weise vorgemacht. The party is over. Nach mir die Sintflut!

Tilman Jens
Sarajevo, im August 2019

Die letzten Monate, Wochen, Tage
Nachwort von Heribert Schwan

Es sind Bilder, die einem nicht aus dem Kopf gehen. Man sieht ihn noch auf der Terrasse seines Leipziger Hotels. Wie er dort in einem der Flechtstühle saß, leicht nach vorne gebeugt, stark abgemagert und mit leerem Blick. Dieser bedeutende Kopf und begnadete Journalist war nur noch ein trauriges Abbild seiner selbst.
Vier Tage vor seinem Tod wirkte Tilman ganz in sich gekehrt. Bei einem letzten Abendessen in einem Leipziger Restaurant hatte er keinen Appetit mehr. Im Gegensatz zu sonst rührte er sein Essen beim Italiener kaum an. Er war ein anderer Mensch geworden.
Beim Auseinandergehen verabredeten sich seine Leipziger Freunde mit ihm – wie so häufig in den letzten Monaten – für ein Abendessen bei ihnen zu Hause.
Geplant war der darauffolgende Mittwoch, der 29. Juli 2020.
Dazu kam es nicht mehr. Gegen elf Uhr an jenem Morgen wurden die engsten Kolleginnen und Kollegen telefonisch von einem Redaktionsleiter des Mitteldeutschen Rundfunks in Leipzig über Tilmans Tod informiert.
Gleichzeitig erfuhren auch Andrea und Knuth in Kassel von seinem Selbstmord. Andrea, langjährige Bekannte vom Hessischen Rundfunk, und ihr Mann Knuth waren in den letzten Jahren unverzichtbare Hilfen für Tilman gewesen. Beide hatten zum Schluss sein komplettes Leben organisiert. Für Andrea und Knuth kam Tilmans Tod bei aller Trauer allerdings keineswegs überraschend.
Bis heute fragen sich Freunde, ob Tilmans Freitod nicht hätte verhindert werden können. Hatten wir die zahlreichen Signale, die er immer wieder aussandte, nicht ernst genug genommen? Auch mich quälten Gewissensbisse. Gerade in jüngster Zeit hatte Tilman unmissverständlich vom Freitod gesprochen, hatte für sich in Anspruch genommen, selbstbestimmt über sein Lebensende zu entscheiden.
Gab es nicht genügend Hinweise auf seinen körperlichen Verfall, der unaufhaltsam schien? Längst war der Diabetes, unter dem er im weit fortgeschrittenen Stadium litt, zum bestimmenden Lebensthema geworden. Unter großem Zeitdruck und unsäglichen Schmerzen nutzte er jede freie Minute seit Herbst 2019 für sein letztes Buch.
Unter dem Arbeitstitel »Mein Diabetes – Chronik einer Selbstzerstörung« hielt Tilman fest, wie es so weit kommen konnte, welche Fehler er gemacht hatte und wie sehr er als Diabetiker in Zeiten der Corona-Pandemie gefährdet war. Das Werk blieb unvollendet. Für das letzte Kapitel über seine eigene Gefährdung, die Aussichtslosigkeit einer körperlichen Stabilisierung und die Zeit seines »Leipziger Exils« blieb keine Kraft. Hinzu kamen persönliche Enttäuschungen, die ihn schier verzweifeln ließen.
Als sein Kameramann, Toningenieur und Cutter hatte Matthias Jim Günther zwanzig Jahre lang eng mit Tilman zusammengearbeitet. Vor allem in den letzten Wochen und Monaten vor seinem Freitod hatte er ihn ganz nah erlebt. Mit Unterstützung seiner Lebensgefährtin wollte er ihm das Alleinsein in Leipzig, wo er gestrandet war, ein wenig angenehmer gestalten, ihm Halt geben. Jim spürte, wie sehr Tilman unter dem Arbeitsaufwand bei Dreharbeiten litt.
So wortgewaltig Tilman Jens als Film- und Buchautor war, über sein eigenes Leben, seine völlig vernachlässigte Gesundheitsfürsorge, seine beruflichen wie privaten Höhen und Tiefen, über schwere Konflikte und tiefe Enttäuschungen zu schreiben und sein Buchprojekt zu vollenden fiel ihm immer schwerer. Von Zeit zu Zeit gab er Jim und mir einige Seiten zu lesen und bat darum, seine Zeilen kritisch zu bewerten. Erschreckend die Härte und auch Brutalität, mit der er Teile seiner Vita »aufarbeitete«.
Immer seltener gelang es ihm, zwischen den Dreharbeiten Zeit, Kraft und Muße zu finden, um in der Enge seines Hotelzimmers konzentriert am Buch zu arbeiten. Die zunehmende Einnahme von schmerzstillenden Medikamenten behinderte spürbar seine Schreib- und Formulierkunst. Immer häufiger suchte Tilman Ablenkung durch Alkoholgenuss.
*
Die journalistische Karriere von Tilman Jens begann Mitte der Siebzigerjahre beim Hessischen Rundfunk (HR) in Frankfurt. Für die Fernsehkulturabteilung des Senders stellte der junge Journalist schon bald ungewöhnliche Kulturdokumentationen und herausragende Magazinbeiträge her. Er fiel durch eine innovative Bildsprache und eine moderne, sehr persönliche Erzählweise auf, vor allem aber durch eine sehr strikte ethische Haltung, mit der er Missstände aufdeckte und sie kompromisslos benannte. Die Sendung titel, thesen, temperamente, das erste und damals einzige Kulturmagazin der ARD, prägte er über Jahre hinweg entscheidend mit. Neben eigenen Beiträgen, die er als freier Mitarbeiter für nahezu jede Ausgabe von ttt produzierte, entschied er im Kollegenkreis auch über Themensetzung und Ausrichtung des Kulturmagazins mit.
Seine Laufbahn beim Hessischen Rundfunk wurde durch eine Festanstellung als Redakteur beim Stern kurzzeitig unterbrochen, die aber in einem Eklat und in der Kündigung durch den Stern endete.
Nach diesem kurzen Ausflug zu den Printmedien nahm Tilman Jens seine Tätigkeit als Fernsehjournalist wieder auf. Er wurde auch von anderen Landesrundfunkanstalten der ARD und vom ZDF angeworben und betätigte sich zunehmend auch als Autor von Sachbüchern.
Seinem Heimatsender blieb er über die Jahrzehnte hinweg verbunden. Seine letzte große Dokumentation, die er 2006 im Auftrag des HR für die ARD drehte, »Gesicht auf Bestellung«, eine kritische Auseinandersetzung mit der Schönheitschirurgie, wurde für den Grimme-Preis nominiert.
In den darauffolgenden Jahren litt er zunehmend unter der Einschränkung seiner Beschäftigung durch den HR. Das brachte ihn in finanzielle Schwierigkeiten. An seine Verdienste für den Sender schien sich niemand mehr so recht erinnern zu wollen.
Für den ARD/WDR-Kulturweltspiegel lieferte er herausragende Beiträge. Seine Fünfundvierzig-Minuten-Dokumentationen für das Abendprogramm der ARD erreichten hohe und höchste Einschaltquoten.
In den letzten Jahren bemühte er sich um Filmaufträge bei den Kulturmagazinen der Konkurrenz von ZDF, Mitteldeutschem Rundfunk (MDR) und 3sat, wo er bei den Redaktionen von aspekte, artour und Kulturzeit außerordentlich geschätzt war. Tilman lieferte Kulturbeiträge in Serie. Dennoch litt er zusehends unter dem weitgehenden Verzicht der Sender auf längere Fernsehformate und an der daraus resultierenden Weigerung verantwortlicher Kulturredakteure, seine Ideen und Vorschläge für längere Dokumentationen zu realisieren. Mit den kurzen Magazinstücken fühlte er sich unter Wert behandelt. Vergebens machte er Angebote für klassische Fünfundvierzig-Minuten-Reportagen, wie er sie jahrelang für die großen öffentlich-rechtlichen Anstalten realisiert hatte.
Hinzu kam die juristische Auseinandersetzung mit Altkanzler Kohl wegen der Buchveröffentlichung Vermächtnis – Die Kohl-Protokolle vom Herbst 2014. Darin hatte Tilman Jens mit mir zusammen Originalzitate publiziert, die ich als Helmut Kohls Ghostwriter in unendlichen Gesprächsrunden mit dem Altkanzler auf Band aufgenommen hatte. Tilman hatte den Verdacht, dass er wegen dieser rechtlichen Auseinandersetzung für manchen einflussreichen Redakteur in den öffentlich-rechtlichen Anstalten zur Persona non grata geworden war, doch dagegen wehren konnte er sich nicht. Bis zu seinem Tod Ende Juli 2020 blieb die Situation unverändert.
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2016 hatte sich Tilman für einen folgenschweren Standortwechsel entschieden: Er verlegte seinen Lebensmittelpunkt von Frankfurt am Main nach Sarajevo, der Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina.
Damit endete die zwölfjährige enge Zusammenarbeit mit seiner Frankfurter Assistentin, die für ihn als Halbtagskraft jahrelang unentbehrlich gewesen war. Sie kannte sich bestens im Fernsehgeschäft aus, beherrschte die digitale Text- und Büroarbeit und sorgte für die komplette Abwicklung seiner Fernseharbeit einschließlich der Schnitt- und Musiklisten. Sie kannte sich im Vertragswesen bestens aus und wusste vor allem auch Tilmans Finanzen im Blick zu behalten. Ohne sie wäre er als Fernseh- und Buchautor niemals so produktiv gewesen.
Typisch für Tilman war sein Bemühen, vertraute Zuarbeiterinnen und Zuarbeiter zu gewinnen, die ihm viel Arbeit abnahmen. Er verstand sich genial darauf, andere Menschen für sich arbeiten zu lassen, nicht zuletzt die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die er für seine Film- und Buchprojekte recherchieren ließ.
Jetzt versuchte er von Sarajevo aus, Ersatz für die Frankfurterin zu organisieren. Manches ging dabei schief, bis es ihm endlich gelang, seine langjährige HR-Kollegin Andrea als Hilfe zu gewinnen. Zu seinem großen Glück fand er als Untermieter in Andreas Haus in Kassel einen neuen Wohnsitz mit aktueller Postadresse, eine unverzichtbare Anlaufstelle in Deutschland. Noch wichtiger wurde Andrea, weil sie ihm den gesamten Bürokram abnahm, bis hin zu den Reisekostenabrechnungen und der Prüfung von Kreditkartenabrechnungen. Außerdem konnte ihr Mann ins Boot geholt werden, der wie Andrea »ehrenamtlich« unter anderem Tilmans komplettes digitales Archiv ordnete und verwaltete.
Mindestens einmal im Monat kam Tilman vorbei, um mit Andrea und Knuth die dringendsten Dinge zu besprechen. Hier in Kassel kam sein gesamter Postverkehr inklusive der Arbeitsverträge mit den öffentlich-rechtlichen Anstalten an, ebenso die Korrespondenz mit Verlagen, Banken oder dem Finanzamt. Auf Andrea und Knuth konnte sich der Exilant hundertprozentig verlassen. Ohne sie wäre seine Übersiedlung nach Sarajevo nicht so reibungslos gelungen.
Für »Toni«, seine große Liebe, nahm er die gewaltige Umstellung auf sich. Hinzu kam, dass die Wohn- und Lebenshaltungskosten in Sarajevo günstiger waren als in Deutschland. Allerdings hatte Tilman wohl den materiellen und zeitlichen Aufwand für das ständige Hin- und Herreisen per Flugzeug unterschätzt. Dreharbeiten in der Bundesrepublik forderten ein Leben in Hotels und machten jeden Spareffekt zunichte. Doch Tilman nahm diesen Aufwand ebenso in Kauf wie das Leben in einer fremden Stadt in einem fremden Land, dessen Sprache er nicht sprach und wo wenig Englisch gesprochen wurde – nichts hielt ihn davon ab, das Abenteuer Sarajevo weiterhin einzugehen.
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Jim hat dort einen sehr einsamen Tilman erlebt, der sichtlich erfreut war über Besuch. Jim war nicht so ganz klar, was Tilman eigentlich in Sarajevo suchte. Die Treffen mit Toni, die sehr eingespannt war, waren recht selten. Die restliche Zeit war er der Fremde in der Fremde. Wenig bemüht, wirklich zu Hause zu sein. Eine hübsche Wohnung in der Innenstadt, die hätte überall sein können. Allerdings war es für Tilman mittlerweile äußerst schwierig, den Schritt zurück zu wagen. Das wäre für ihn einem Eingeständnis seines Scheiterns gleichgekommen.
Zudem hegte er seit längerer Zeit die Absicht, Toni zu heiraten. Spätestens seit 2018 wurde dieser immer wieder geäußerte Plan zusehends konkreter. Einmal fragte Tilman Jim sogar, ob er sein Trauzeuge würde. Mit großer Entschlossenheit bemühte er sich darum, die notwendigen Papiere aus seiner Heimat zusammenzustellen, um Toni in Sarajevo heiraten zu können. Hier kam Knuth ins Spiel, der für Tilmans Sonderjobs zuständig war, auch für die Vorbereitung der Eheschließung in Sarajevo. Das beschäftigte den Kasseler intensiv.
Im September 2019 gab es für diese Pläne einen schweren Rückschlag. Mehrfach hatte Tilman Einreisebestimmungen für Bosnien missachtet. Einmal war er sogar kurzzeitig in Haft geraten. Jetzt wurde Tilman ausgewiesen, und es begann ein juristisches Tauziehen. Mit Unterstützung einer bosnischen Anwältin kämpfte er darum, wieder nach Sarajevo einreisen zu können. Bis auf Weiteres saß er in einem Leipziger Hotel fest, das dem Dauergast einen Sonderpreis gemacht hatte. Dieses Zimmer wurde fortan zu seiner Heimstatt.
Im Dezember 2019 erzielte die Anwältin den erhofften Erfolg: Tilman durfte wieder nach Sarajevo fliegen. Ein kurzes Aufatmen, dann kam Corona. Durch Dreharbeiten wieder in Leipzig, hätte er zwar nach Bosnien zurückfliegen können, wäre aber nach den Grenzschließungen dort »gefangen« gewesen. Ohne Arbeit und damit ohne Einkommen. Wieder saß er in Leipzig fest. Diesmal mit einem Koffer, gepackt für drei Tage. Es folgten sehr produktive Wochen und Monate für Tilman und Jim. Was die Gesellschaft so belastete, war für den kreativen Dickschädel ein Eldorado. Unzählige Themen, hauptsächlich in Mitteldeutschland, aber auch ein kurzer Ausflug ins von Tilman für seinen Sonderweg bewunderte Schweden boten sich ihm dar. Die Arbeit war seine Triebfeder, seine Bestätigung und sein Lebensinhalt, jetzt noch mehr als sonst.
In den letzten Monaten und Wochen erlebte Jim, wie sehr Tilman seine Zuckerkrankheit zusetzte. Schon seit längerem hatte sie bei den Dreharbeiten, die beide rund um die Welt führten, zu einer ganzen Reihe von körperlichen Zusammenbrüchen geführt, so beispielsweise bereits bei einem Dreh 2009 in Argentinien. Von einem auf den anderen Tag konnte er nicht mehr laufen. Er hatte fürchterliche Schmerzen in den Beinen, und nur mithilfe eines Notfallmedikaments zur Schmerzstillung gelang ihm der Weg zurück nach Europa. Später stellte sich heraus, dass sein Diabetes die Nervenenden an den Beinen erheblich angegriffen hatte.
An seinem Verhalten änderte diese Diagnose nichts.
Das Gehen fiel ihm immer schwerer, und Medikamente schienen nicht mehr zu helfen. Obwohl ihn sein Hausarzt regelrecht bekniete, bei den körperlich höchst anstrengenden Dreharbeiten Ruhepausen einzulegen und auf Auslandsreisen ganz zu verzichten, ignorierte Tilman alle Ratschläge und machte genau das Gegenteil.
Auch und gerade in Corona-Zeiten war ihm durchaus bewusst, wie gefährdet er als Risikopatient war und wie unvernünftig er sich verhielt. Trotzdem nahm er liebend gern den Auftrag für einen Magazinbeitrag entgegen, der ihn nach Belgrad führen sollte. Die Grenzen waren noch nicht komplett offen, und im Juni 2020 konnte die serbische Hauptstadt wegen besonderer Corona-Bestimmungen nur über Sarajevo erreicht werden. Tilman kam das außerordentlich gelegen: Endlich konnte er Toni wieder in die Arme schließen.
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Kurz zuvor war Tilman wie jeden Monat bei Andrea und Knuth aufgetaucht. Freudig hatte er zur Kenntnis genommen, dass er weitere zwei Jahre als Untermieter in Kassel bleiben konnte. Beim Abschied hatte er Knuth gebeten, dringend die restlichen Unterlagen für seine bevorstehende Hochzeit zu besorgen. Tilman hinterließ einen recht zufriedenen und aufgeräumten Eindruck. Umso unverständlicher für seine Kasseler Freunde, dass sie anschließend fast vierzehn Tage lang vergebens auf eine Nachricht von ihm warten mussten. Kein Anruf, keine SMS, keine Mail.
Dann ein einziger Satz per Mail: Er und Toni hätten sich getrennt.
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Nach seiner Rückkehr aus Sarajevo war Tilman am Boden zerstört und total verzweifelt. Fortan fehlte ihm jegliche Antriebskraft. Vorbei sein unbeschreiblicher Arbeitsdrang, seine Diskussionsfreude, seine Lust an politischen Analysen und spöttischen Sottisen. Sein Lebenswille war gebrochen. Für sein noch unfertiges Buch brachte er kaum noch eine Zeile zustande. Seine Motorik verschlechterte sich rapide. Sein Gesundheitszustand nahm unübersehbar eine bedrohliche Entwicklung. Tilman fühlte sich wie ein Krüppel, psychisch und physisch am Ende. Durch erhöhten Alkoholkonsum versuchte er, seine körperlichen und seelischen Schmerzen zu lindern.
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2017 hatte Tilman in einem Kraftakt die Biographie über Donald Trumps Berater Stephen Bannon mit dem Untertitel Trumps dunkler Einflüsterer fertiggestellt. Nach Bannons unerwartet schnellem Abgang blieb der Absatz seines Buches deutlich hinter den Erwartungen zurück, ein Flop.
Tilman begab sich auf die Suche nach einem neuen Buchprojekt. Nachdem der amtierende Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier zum Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten nominiert worden war, wollte Tilman eine Steinmeier-Biographie schreiben. Seine Kontakte nach Berlin ins Auswärtige Amt gestalteten sich vielversprechend. Er rechnete fest mit einer Zusage. Ein Irrtum. Steinmeier hatte sich für einen anderen Autor entschieden.
Als erfolgsgewohnter Film- und Buchautor fühlte Tilman sich zutiefst gekränkt. Er sah seine Chancen schwinden, auch künftig mit Bücherschreiben neben der Fernseharbeit Geld zu verdienen, um finanziell über die Runden zu kommen.
Zu dieser Zeit befand er sich wieder einmal in einem finanziellen Engpass. Die Künstlersozialkasse hatte größere Forderungen an ihn. Auch beim zuständigen Finanzamt waren Nachzahlungen aufgelaufen. Tilman fühlte sich in die Enge getrieben, ohne nennenswerte Rücklagen war er finanziell komplett überfordert. Die Lage erschien ihm ausweglos. Seine Selbstmordgedanken mündeten in einen Suizidversuch, der misslang.
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Bei seinen regelmäßigen Besuchen in Kassel erledigte er zusammen mit Andrea die anfallende Post. Massiver Ärger mit dem Finanzamt musste geregelt werden. Geldmangel war ein Dauerthema, vor dem er sich in die Erwartung eines baldigen Erbes aus Tübingen flüchtete. Das alles nahm in seinem Denken mehr Raum ein als seine angeschlagene Gesundheit, die er weiterhin verdrängte.
Er quälte sich mit seinen Schulden, die er irgendwann mit seinem Erbe ausgleichen zu können hoffte. Doch der Geldsegen ließ auf sich warten. Was blieb, waren Suizidgedanken, gegründet auf die unerschütterliche Überzeugung, selbstbestimmt zu entscheiden, wann sein Leben zu einem Ende kommt.
Nach seiner Rückkehr aus Sarajevo im Juni 2020 war das Thema Selbsttötung allgegenwärtig. Er lebte in der schmerzlichen Gewissheit, dass er Toni für alle Zeit verloren hatte, und man spürte den zerstörerischen Einfluss seiner psychischen Belastungen.
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Eine knappe Woche vor seinem Tod drehte Tilman in Berlin für das ZDF zum Thema Trauer. Vormittags begleitete er einen Bestatter, der den entblößten Körper einer älteren Frau zurechtmachte.
Zu Mittag bestellte er sich bei größter Hitze drei Weißweinschorlen in einem italienischen Café. Eine Diskussion darüber ließ er nicht zu.
Auf der Heimfahrt von Berlin nach Leipzig sagte Tilman, dass er überlege, mit der Arbeit als Journalist und Autor aufzuhören. Immerhin werde er bald sechsundsechzig und sei reif für die Pension. Doch wie sollte er ohne Arbeit existieren? Rücklagen oder irgendeine private Altersversorgung gab es nicht. Ab Mai 2020 bezog Tilman eine für ihn spärliche Rente. Er war sich der Ausweglosigkeit seiner finanziellen Situation vollkommen bewusst und sprach ganz unverblümt darüber.
Anderntags Schnitt des Magazinbeitrags in Leipzig. Für den nächsten Mittwoch verabredeten sich Tilman und Jim zum Abendessen. Dazu kam es nicht mehr. In der Nacht vom 28. auf den 29. Juli 2020 nahm sich Tilman Jens mit einer Mischung aus Alkohol und Tabletten das Leben.
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Die Polizei fand in seinem Hotelzimmer ein viereinhalbseitiges Schreiben, in dem er seinen Schritt als »alternativlos und wohldurchdacht« bezeichnete.
In »nur ein paar dürren Worten« begründete Tilman seinen Selbstmord. Allem voran verwies er auf seine ökonomische Situation, die für ihn hoffnungslos bliebe. Selbst nach dem Erbfall wäre eine Rettung nicht in Sicht.
Dann führte er an, dass sich sein Gesundheitszustand von Tag zu Tag verschlechtert habe. Wenn er ehrlich sei, sei er nicht mehr in der Lage, seinen Beruf auszuüben. Schon das Laufen falle ihm schwer.
Als weiteren Grund für seinen Selbstmord nannte er vor allem den Umzug Tonis mit den Großeltern der Kinder von Bosnien in die Schweiz. Toni und er hatten sich getrennt, und sie hatte es sich nicht leichtgemacht mit ihrer Entscheidung, der Familie zu folgen. Doch für ihre Sicherheit, für ihre Zukunft sei es der einzig richtige Entschluss, auch wenn es ihm die Seele zerschneide. Er hadere nicht damit und sei ihr auch nicht im Entferntesten böse. Dafür seien die gemeinsamen Jahre zu schön gewesen. Ihr Aufbruch jedoch hätte für ihn bedeutet, dass er allein in Sarajevo bliebe, auf immer getrennt von der Frau seines Lebens, ohne jede Alternative. Das halte er nicht aus. Brauche er aber auch nicht. Sein Leben sei prall und erfüllt gewesen.
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Dieser Brief, den Tilman in digitaler Form ohne eigenhändige Unterschrift als Vermächtnis verfasste, hat uns alle lange bewegt. Sein volles Verständnis für Tonis Trennung und ihre Auswanderung in die Schweiz zeugen von seiner menschlichen Haltung und Größe.
Mittel- und langfristig hätte durch die Amputation des rechten Fußes gesundheitlich manches verbessert werden können. Auch die ökonomische Situation hätte spätestens mit der erwarteten Erbschaft ausgeglichen werden können. Und schließlich gäbe es auch für einen gerade mal Sechsundsechzigjährigen die Chance auf eine neue Liebe. Nein, sich aus solchen Gründen das Leben zu nehmen erscheint uns allen als viel zu hoher Preis.
Sprachlos waren auch Andrea und Knuth aus Kassel. Hatte sich Knuth doch derart beeilt, sämtliche Unterlagen für die Hochzeit zusammenzubekommen. Eine Heirat hätte das Problem einer Aufenthaltsgenehmigung in Sarajevo gelöst, das war sicher auch ein Motiv für die geplante Ehe. Außerdem wollte er damit sicherstellen, dass ein »verdammtes Erbe« im Falle seines Todes an Toni fallen würde. Sie sollte versorgt sein, das lag ihm sehr am Herzen.
Was uns bestürzte, war die Tatsache, dass Tilmans Mutter Inge Jens und sein Bruder Christoph das Erbe wegen Tilmans Verschuldung ausschlugen. Es war wie das Zeichen, dass seine Familie nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte – sie brachen die Verbindung zu ihm ab. Ein Leipziger Anwalt wurde als Nachlassverwalter eingesetzt, der uns über alle Schritte bis zur Beisetzung informierte.
Bei aller Trauer blieb uns nur die Initiative für eine Traueranzeige in der Süddeutschen Zeitung. Es war überwältigend, wie viele Kolleginnen und Kollegen aus den öffentlich-rechtlichen Anstalten und dem Heyne Verlag sich namentlich an der Anzeige beteiligten.
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Am 14. August 2020 strahlte das ZDF in seiner Kultursendung aspekte Tilmans letzten Magazinbeitrag aus, den er unmittelbar vor seinem Tod in Berlin gedreht hatte.
»Vom Umgang mit Trauer« hieß das Stück, in dem Tilman verschiedene Formen des Trauerns dokumentierte. Der Film beginnt damit, dass der Lockdown auch die Friedhöfe erfasst. Statt bei der Beerdigung versammeln sich Trauergemeinden auf einem Netzportal, um beispielsweise eines totgeborenen Sternenkindes zu gedenken. Die Tränen fließen im Livestream. Im Zeitalter sozialer Medien haben Traditionen wie die Trauerfeier mit Pastor und Leichenschmaus ihre Monopolstellung verloren. Sogar sogenannte Trauer-Tattoos gibt es, wie eine eindrucksvolle Wanderausstellung zeigt.
Zu Wort kommt Eric Wrede, ein Berliner Bestatter und Autor von The End – Das Buch vom Tod, der die Schmerzen der Angehörigen seit Jahren erlebt. In seinem, wie Tilman sagt, angenehm nüchternen Buch beschreibt er seinen Umgang mit Tod und Trauer und berichtet über die vielfältigen Formen des modernen Trauerns. Tilman interviewt auch die amerikanische Bestsellerautorin und Psychotherapeutin Megan Devine, deren Mann 2009 beim Schwimmen ertrank. »Ist Trauer am Ende ein Monster, das sich nie vollständig bändigen lässt?«, fragt er. Und sie erwidert: »Die Wahrheit ist, Trauer bleibt so lange, wie die Liebe da ist. Wir tragen die Trauer für den Rest unseres Lebens in uns, weil wir die Person immer noch lieben. Trauer wird oft als schlechtes Gefühl angesehen, das man schnell hinter sich lassen sollte. Das ist falsch. Trauer ist Teil der Liebe, und sie ist gesund.«
Aber Trauer lässt die Betroffenen mit einem Gefühl von Machtlosigkeit zurück, wie der Bestatter Eric Wrede weiß: »Es ist für viele gerade junge Menschen eine völlig neue Erfahrung.« Vielleicht deshalb hat er das Schaufenster seines Unternehmens mit Legosteinen dekoriert: ein kleines Sinnbild, wie nah sich Anfang und Ende, Lebensmut und Trauer letztendlich sind.
In seinem Bericht stellt Tilman fest, das Thema Trauer habe an Brisanz und Facetten gewonnen. Zum Beispiel Bergamo, wo das Coronavirus im Frühjahr 2020 besonders wütete und über 40 Prozent der Einwohner infizierte. In Corona-Zeiten finde der Abschied nicht allein im privaten Umfeld statt, sondern sei mit einem Paukenschlag zur kollektiven Selbsterfahrung geworden. Auch die Särge der in amerikanischen Massengräbern Verscharrten gehören nun zum Alphabet der Sprache der Trauer.
Noch einmal lässt Tilman Megan Devine zu Wort kommen: »Verluste sind jetzt überall. Das heißt, Trauer ist überall. Wir neigen dazu, nicht über etwas zu sprechen, von dem wir nicht persönlich betroffen sind. Deshalb ist das jetzt eine sehr interessante Zeit, weil jetzt Trauer jeden betrifft. Das gibt uns die Gelegenheit, über unser Verhältnis zur Trauer nachzudenken.«
Und Eric Wrede ergänzt: »Wenn wir an die letzte Generation denken, die sich nicht verabschieden konnte, das ist die letzte Kriegsgeneration. Ohne das jetzt gleichsetzen zu wollen: Damit haben wir gerade zu kämpfen. Wenn man sich vorstellt, wie viele Familien sich nicht verabschieden konnten, wie viele Familien mit dem Gefühl leben, da ist jemand alleine verstorben, das ist eine immense Belastung.«
Schließlich Tilmans Schlusstext: »Ob Tattoo, Internetgedenkfeier oder die letzte Reise im Sarg, wer wird ohne Möglichkeit des versöhnenden Abschieds das Aushalten von Trauer erlernen können?«
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Nach diesem Beitrag ergreift aspekte-Moderator Jo Schück noch einmal das Wort: »Auch wir von aspekte trauern. Nämlich um Tilman Jens. Er hat den Beitrag, den Sie eben gesehen haben, noch fertiggestellt. Kurz darauf ist er verstorben. Wenn Sie so wollen, ist diese aspekte-Sendung auch sein Vermächtnis. Das deutsche Fernsehen und der Journalismus als Ganzes verlieren einen Autor mit ganz eigener Haltung, mit ganz eigener Sprache, mit ganz eigenem Stil. Einen furchtlosen Reporter, der ein untrügliches Gespür hatte für Themen und für Missstände. Wir werden ihn sehr vermissen.«
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Tilmans Beisetzung fand am 17. September 2020 auf dem Tübinger Stadtfriedhof statt. Seine Urne wurde in der oberen linken Ecke der Grabstätte seines Vaters eingelassen. Freunde und Weggefährten waren nicht eingeladen. Heute weist eine Grabplatte auf diesen Ort hin.

Heribert Schwan
Köln, im Mai 2021

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