Journalisten gespalten über Buch

 

Journalisten gespalten über Buch „Vermächtnis – Die Kohl-Protokolle“:
Von „Wortbruch schadet Journalismus“ bis „Informationsbedürfnis der Bürger hat höheren Rang“

Dürfen sich Journalisten über Vereinbarungen mit ihren Gesprächspartnern hinwegsetzen? Diese Frage wirft das Buch „Vermächtnis – Die Kohl-Protokolle“ von Heribert Schwan und Tilman Jens auf. Wir haben nachgefragt.
Von Bülend Ürük.

Berlin – Sehr unterschiedlich sind die Meinungen zu dem Buch, gerade auch nach der Titelgeschichte im aktuellen “Spiegel”, der einige delikate Zitate vorab veröffentlichte. „Die Verletzung der Abmachung und Verletzung der Privatsphäre von Helmut Kohl scheint hier in keinem Verhältnis zum aufgedeckten Problem zu stehen“, sagt Roger Köppel, Chefredakteur von der Schweizer „Weltwoche“ zu NEWSROOM. Carsten Fiedler, Chefredakteur vom Kölner „Express“, erklärt: „Bei den Kohl-Protokollen handelt es sich zweifelsohne um historisch wertvolle Dokumente, weil der wahre Blick des Altkanzlers auf seine Zeit und seine politischen Weggefährten deutlich wird. Das ist sicherlich ein Argument für die Veröffentlichung. Dennoch bleibt ein bitterer Beigeschmack.“

„Kohl hat die Medien über Jahrzehnte geschmäht – was soll diese Heuchelei?“, fragt Dr. Michael Maier, Herausgeber der Deutschen Wirtschaftsnachrichten.

„Journalisten sollten mit Politikern gar nicht mehr unter Vorbehalt reden. Die Unsitte der “Autorisierung” macht den Journalismus zu einer PR-Nummer. Für Kohls Heroisierung sorgt ja ohnehin die Bild-Zeitung, deren Chefredakteur sein Trauzeuge war – und umgekehrt.“ Maier, früher Chefredakteur von „Stern“ und „Berliner Zeitung“, würde wie Autor Schwan „natürlich“ auf die Gespräche zurückgreifen: „Es ist die Aufgabe von Medien, aufzudecken. Wobei mich mehr die Sachthemen interessieren – und nicht so läppische Dinge wie Angela Merkels Tischmanieren.“ Die „Packelei“ zwischen Promis und Journalisten müsse endlich aufhören: „Kohl war ja kein Informant, keine Quelle – die müssen natürlich geschützt werden.“

Maier zu NEWSROOM: „Die Politik täuscht mit allen Mitteln. Die Lüge ist integraler Bestandteil der politischen PR – immer gewesen. Es ist der Job der Journalisten, mit allen Mitteln hinter die Wahrheit zu kommen. Die meisten politischen Gesprächspartner missbrauchen Journalisten für ihre Zwecke. Im tiefsten Inneren verachten sie sie. Sie sehen nur die Funktion. Wer seine Informationen an Bedingungen knüpft, soll sie sich hinter den Hut stecken. Das Problem heute: Wir Journalisten arbeiten zu wenig mit echten Quellen – die natürlich geschützt werden müssen! Daher suchen viele die Nähe der Politik, in der Hoffnung, einen Brosamen der Wahrheit zu bekommen. Er bekommt jedoch nur die blanke PR.“

Michael Heun, Chefredakteur der „Hildesheimer Allgemeinen Zeitung“, sieht die Lage anders: „Unser Berufsstand lebt davon, dass es einen gesetzlich verbrieften Informantenschutz gibt. Dieser Schutz gilt für Politik und Strafverfolgungsbehörden. Er sollte sich aber auch auf unzuverlässige und geschwätzige Journalisten erstrecken. Verabredungen müssen gelten. Jeder Wortbruch schadet dem Journalismus und seiner gesellschaftlichen Aufgabe.“ Und Michael Heun fügt hinzu: „So sehr ich den Drang von Herrn Schwan verstehe, diese für viele sicher spannenden Informationen zu veröffentlichen, ich halte dieses Vorgehen für verwerflich und falsch. Man hintergeht nicht nur seinen Gesprächspartner, man schadet Ansehen und Funktion des Journalismus.“ Zudem schade es dem Vertrauen von Informanten, die sich Journalisten öffnen würden. Wer weiter kritisch und investigativ berichten wolle, für den sei Vertrauen die Basis der Arbeit: „Die Journalisten sind meist ganz vorn, wenn es darum geht, Anstand und Moral etwa in der Politik anzumahnen. Wenn diese Kategorien nicht auch für uns selbst gelten, werden wir ganz schnell unglaubwürdig“, betont Michael Heun.

Roger Köppel, Chefredakteur von der Schweizer „Weltwoche“, zu NEWSROOM: „Aufdecken ist immer gut, aber man muss ein relevantes Problem im öffentlichen Interesse aufdecken. Die Verletzung der Abmachung und Verletzung der Privatsphäre von Helmut Kohl scheint hier in keinem Verhältnis zum aufgedeckten Problem zu stehen. Aber Helmut Kohl hat in den meisten Medien in Deutschland ein schlechtes Image, und weil alle dem Spiegel abschreiben, ermächtigt man sich zu solchen Dingen wie hier. Unterirdisch“, so Roger Köppel.

„Recherchen darf man in jedem Fall verwenden“, sagt Thomas Seim, Chefredakteur der in Bielefeld erscheinenden Tageszeitung „Neue Westfälische“: „Würde man solche Informationen prinzipiell nicht verwenden, ergäbe sich jeder Journalist unabhängig von seinem Aufklärungsinteresse und -auftrag in die Hand von Politikern; auch solcher Politiker, die jegliche Berichterstattung und alle Nachrichtenerkenntnisse von Journalisten am liebsten komplett unterbinden würden, und sei es mit dem Hinweis “vertraulich”. Im Übrigen: Wer als politischer Profi Informationen “unter drei” weitergibt, tut dies nicht ohne ein Interesse, dass diese Informationen genutzt werden, und sei es nur als Urteilsgrundlage für einen Kommentar.  Denken Sie nur an den Verzicht auf die SPD-Kanzlerkandidatur durch Frank-Walter Steinmeier 2012. Etwas anders sieht es mit persönlichen Zitaten von Gesprächspartnern aus. Wenn dort Vertraulichkeit zugesichert wurde, braucht es in jedem Fall einen besonderen, herausragenden und übergeordneten Grund, diese Zusage zu widerrufen. Zum Beispiel einen Grund wie die Drogensucht eines bestimmten Abgeordneten. Oder auch die Memoiren eines bedeutenden Regierungschefs. Da kann es ein überragendes öffentliches Interesse geben.“

Thomas Seim ist Chefredakteur der in Bielefeld erscheinenden Tageszeitung Neue Westfälische“.

Im Falle des Schwan-Buches hält Seim das historische Aufklärungsinteresse für „überragend“: „Herr Dr. Kohl hat 16 Jahre lang die Geschicke der Bundesrepublik gelenkt. Er bleibt aus dieser Sicht eine absolute Persönlichkeit der Zeitgeschichte und des öffentlichen Interesses und darüber hinaus eine wesentliche Figur der deutschen Geschichte. Mit Verlaub – da gibt es keine übergeordneten privaten Interessen, schon gar nicht, wenn Sie von einer relativen Persönlichkeit der Zeitgeschichte wie seiner jetzigen Ehefrau – wenn sie das überhaupt ist – reklamiert werden. Im Übrigen: Kaum jemand war im Umgang mit solchen Bezügen so versiert wie Helmut Kohl. Ich selbst gehörte 1997/98 einer kleinen, engen Hintergrundrunde des damaligen Bundeskanzlers an. Wir hätten nie aus den Gesprächen mit ihm zitiert, sicher. Aber wir haben alle damals die Informationen von dort selbstverständlich alle für weitere Recherchen und Veröffentlichungen genutzt. Und ich bin sicher: Hätten wir das nicht getan, hätte sein damaliger Medienberater Andreas Fritzenkötter bei jedem von uns angerufen und gefragt, wie wir mit den Infos umzugehen gedenken. Solche Gespräche sind ja kein Selbstzweck“, betont Seim.

Helmut Kohl, so Seim zu NEWSROOM, könne man nicht hintergehen. Er habe die Gespräche mit Schwan gewollt: „Er wollte ein persönliches Vermächtnis übergeben. Nun will er das anders entscheiden. Aber mit seinem ersten Entschluss verliert er das autonome Recht über seine Äußerungen.“

Negative Auswirkungen auf das Verhältnis von Journalisten zu Gesprächspartnern werde das Buch laut Seim nicht haben: „Es gilt Vertraulichkeit gegen Vertraulichkeit, Absprachen werden eingehalten. Hier geht es aber um etwas anderes: Hier will ein Ex-Kanzler die historische Exegese seines Vermächtnisses privatisieren. Das ist abwegig und unzulässig. Es würde übrigens weder für Adenauer noch für Brandt gelten. Und auch Helmut Schmidt schweigt – oder lässt sich zitieren. Reden und gleichzeitig schweigen – das geht für Alt-Kanzler nicht.“

Der Kölner Medien- und Politikwissenschaftler Prof. Dr. Frank Überall fordert mit Blick auf das Schwan-Buch das Ende der Autorisierungen von Interviews: „Ich finde, bei Personen der Zeitgeschichte sollte immer gelten: Gesagt ist gesagt. Dass man im Nachhinein oft das Gesagte wieder relativiert wird, hat mit Journalismus doch nicht mehr viel zu tun. Das ist Schönschreiberei, die man Leserinnen und Lesern nicht als professionelles Produkt verkaufen darf!“

Überall zu NEWSROOM: „Moralische Grenzen sind im Pressekodex festgeschrieben, und daran haben sich Journalisten wie Medienhäuser zu halten. Wenn diese Regeln beachtet werden, handelt man richtig. Dass Journalismus oft ein “robustes” Geschäft ist, dessen Umgangsformen sich in den letzten Jahren noch verschärft haben, steht dabei außer Zweifel. Aber eines darf man dabei auch nicht vergessen: Politik wird von Menschen gemacht, und über diese Menschen zu berichten, ist für die Betroffenen nicht immer erbauend. Schon George Orwell sagte: “Journalismus heißt, etwas zu drucken, von dem jemand will, dass es nicht gedruckt wird. Alles andere ist Public Relations.”

„Früher sahen Scoops vom Spiegel anders aus“, kritisiert Dr. Hendrik Groth, Chefredakteur der „Schwäbischen Zeitung“. „Die Einschätzungen von Kohl über seine Parteifreunde lesen sich vielleicht unterhaltsam, sind aber nicht neu. Schwan und Kohl streiten sich derzeit gerichtlich. Da sollte man das Verfahren erst einmal abwarten. Grundsätzlich ist das Vorgehen von Schwan für mich ein Vertrauensbruch und deutet auf eine gewisse Verzweiflung hin. Weder Spiegel noch Schwan geben damit eine gute Figur ab. Die Zitate sind auch aus ihrem historischen und persönlichen Zusammenhang gerissen und vermitteln so ein falsches Bild. Zusagen von Journalisten an ihre Gesprächspartner müssen verbindlich gelten. Auch Jahre danach. Den Erkenntnisgewinn durch die Veröffentlichungen suche ich verzweifelt. Das hat nichts mit einer Person der Zeitgeschichte zu tun, sondern ist Gossip, reinster Klatsch“, so Groth zu NEWSROOM.

„taz“-Chefredakteurin Ines Pohl würde Recherchen nicht verwenden, wenn man seinem Gesprächspartner zugesichert hat, sie nicht zu veröffentlichen: „Ich würde nur dann eine Ausnahme machen, wenn der Vertrauensbruch eine Straftat verhindern würde. Das liegt im Falle Schwan/Kohl natürlich nicht vor. Nach dem was mir bekannt ist, hat Helmut Kohl sich die absolute Autorität über seine eigenen Worte zusichern lassen und dies mit Herrn Schwan vertraglich geregelt. Wer einen solchen Vertrag unterzeichnet darf ihn nicht brechen, so ärgerlich das aus der Perspektive von Herrn Schwan auch sein mag.“

Wer Zusagen an Gesprächspartner breche, schade am Ende der gesamten Branche.

Ines Pohl zu NEWSROOM: „Es geht um Regeln und um Vereinbarungen, die man mit seinen Gesprächspartner macht und an die man sich dann auch zu halten hat. Das widerspricht aber natürlich nicht dem Hauptanliegen von Journalisten, investigativ zu arbeiten und Zusammenhänge zu erläutern. Da ist aber Verlässlichkeit kein Gegensatz, sondern im Gegenteil die Grundlage dafür, dass meine Informanten mich bei meinen Recherchen unterstützen. Und das tun sie ja nur, wenn sie wissen, dass mein Wort, mein Versprechen gilt.“

Die Kölner Wirtschaftsjournalistin Bettina Blaß hält nichts davon, Recherchen zu veröffentlichen und sich nicht an Absprachen zu halten. Es sei zwar schade um die viele Arbeit, aber man sollte sich an sein Wort halten: „Wenn es eine Abschrift der Bänder gibt, wird dort auch vermerkt sein, was wann veröffentlicht werden darf – beispielsweise „nach meinem Tod“. Das wäre dann für mich richtungsgebend“, so Blaß zu NEWSROOM.

Grundsätzlich gilt für mich, dass sich Journalisten an Absprachen mit ihren Gesprächspartnern halten müssen. Wenn Vertraulichkeit vereinbart worden ist, muss diese respektiert werden. Im aktuellen Fall spielen offenbar noch andere Beweggründe eine Rolle, die ich im Detail nicht kenne. Ein moralisches Dilemma ist es auf jeden Fall“, erklärt Carsten Fiedler, Chefredakteur der in Köln erscheinenden Tageszeitung „Express“. Für Fiedler steht fest: „Bei den Kohl-Protokollen handelt es sich zweifelsohne um historisch wertvolle Dokumente, weil der wahre Blick des Altkanzlers auf seine Zeit und seine politischen Weggefährten deutlich wird. Das ist sicherlich ein Argument für die Veröffentlichung. Dennoch bleibt ein bitterer Beigeschmack.“

„Moralische Haltung ist auch im Journalismus sehr wichtig. Zum Beispiel, wenn es um die Berichterstattung um Opfer von Kriegen oder Verbrechen geht, sollten Medienleute ethische Leitplanken kennen. Auch die Frage, ob und welchen Platz ich den Positionen und Problemen jener einräume, die sonst keine Stimme in der Öffentlichkeit haben, kann ethisch beantwortet werden“, erklärt Tom Strohschneider, Chefredakteur der in Berlin erscheinenden Tageszeitung „Neues Deutschland“.

Für Strohschneider hat sich der „Spiegel“ mit seiner aktuellen Ausgabe keinen Gefallen getan: „Die Frage ist, ob – mit Verlaub: Politikergossip die angemessene Titelgeschichte für ein Magazin ist, das für sich hohe politische Ansprüche geltend macht. Man muss ja nicht House of Cards gesehen haben, um in abfälligen, kritischen Anmerkungen über politische Konkurrenten und „Parteifreunde“ etwas zu sehen, dass in der Politik eher normal ist. Wenn man allerdings vorrangig einer Logik der medialen Erregungsökonomie folgt, dann war das wohl „die richtige“ Titelgeschichte.

Strohschneider zu NEWSROOM: „Die nun kolportierten Äußerungen Kohls über andere Politiker sind meines Erachtens nicht wichtig genug, als dass hier ein Interesse der Öffentlichkeit an einer historisch gravierenden Neuigkeit überwiegen könnte. Soweit ich das bisher einschätzen kann, muss die Geschichte nicht umgeschrieben werden.“

„Auf den ersten Blick mag der Streit zwischen Altkanzler Helmut Kohl und dem Journalisten Heribert Schwan wie ein komplizierter Fall aussehen, in dem es um ein Gemisch aus Vertrauen, Moral, Geschichte, Persönlichkeitsrechten, Urheberrecht und journalistischer Verantwortung geht, aber mit einem gewissen Abstand auf den Fall ist die Sache wiederum ganz klar“, erklärt Tobias Schwarz, Executive Editor bei Netzpiloten.de.

Schwarz zu NEWSROOM: „Helmut Kohl ist nicht irgendeine Person, sondern eine historische Figur der bundesrepublikanischen Geschichte, die Veröffentlichung seiner Aussagen durch Schwan deshalb legitim und durch das öffentliche Interesse begründet. Menschlich mag das Verhalten von Schwan, mit dem sich Kohl im Vertrauen und nur für den Zweck der eigenen Biographie unterhalten hat, falsch sein, aber bei dem Altkanzler gelten andere Richtlinien als für einen weniger berühmten Menschen der Zeitgeschichte, bei dem die Beurteilung einer vergleichbaren Situation anders ausfallen könnte. Helmut Kohl hat das wichtigste, öffentliche Amt in der Bundesrepublik bekleidet.“

Tobias Schwarz betont: “Kohl mag berechtigt gewesen sein, auch ohne Angabe von Gründen die Zusammenarbeit mit Schwan zu beenden, aber Schwan ist mehr als ein Ghostwriter gewesen und als praktizierender Journalist bei seinem Kenntnisstand geradezu der Öffentlichkeit und Forschung gegenüber verpflichtet mitzuhelfen, dass Bild von Helmut Kohl zu zeichnen. Denn Helmut Kohls Biographie, dieses menschliche und nicht unbekannte Verhalten sei ihm gegönnt, ist nichts anderes als ein Versuch der subjektiven Geschichtsfälschung. Sein eigener Blick auf seine und auch unsere Geschichte.”

Und Tobias Schwarz fügt hinzu: “Journalisten müssen sich Beziehungen zu Politikern zunutze machen, an einer Stelle durch das Weglassen oder auch Veröffentlichen von Informationen eine Beziehung aufbauen, die vertraulichen Charakter hat. Dabei sollten Journalisten aber nie vergessen, dass Politiker in Journalisten zuallererst die öffentliche Wahrnehmung steuernde Werkzeuge sehen, sie zu manipulieren das erste Ziel dieser Beziehung ist. Spielt man dieses Spiel mit, muss man immer die Regeln verstehen und wann es gilt, immer wenn das öffentliche Interesse an einer Information den Wert der Beziehung übertrifft, diese Regeln zu brechen. Dass “Der Spiegel” dieses umstrittene Buch als Anlass für eine Titelgeschichte nimmt, ist vor dem Hintergrund der Frage, inwiefern sich Journalisten von Politikern einspannen lassen, berechtigt und auch nur die konsequente Weiterführung der Berichterstattung über den einstigen Lieblingsgegner Helmut Kohl, der das Magazin verachtete und dem Spiegel dadurch auch eine politische Bedeutung verlieh, die das Magazin schon lange nicht mehr besitzt. Das Buch als Medium an sich ist meiner Meinung nach für diese Thematik zwar nicht sehr relevant, stellt aber ein wichtiges Mosaiksteinchen in der Bewertung von Helmut Kohl dar, dessen Ehrungen für die deutsche Wiedervereinigung und die europäische Integration gerechtfertigt sind, aber nur zwei Aspekte seines politischen Werkes darstellen.”

Darf man als Journalist Recherchen verwenden, auch wenn ein Gesprächspartner, dem man dies auch vorher zugesichert hat, dies ablehnt, dies nicht möchte?

Für den Journalisten und Dozenten Christian Jakubetz kommt es auf den Fall an: „Wenn es sich wirklich um investigative Recherchen handelt, die möglicherweise sogar zur Aufdeckung von Missständen beitragen, würde ich sagen: ja. Im Falle des Kohl-Buchs würde ich sagen: nein. Weil ja erstens der Autor nicht wirklich recherchiert hat. Er war bei dieser Geschichte nicht mal als Journalist unterwegs. Er sollte als Ghostwriter die Memoiren Kohls schreiben. Eine Auftragsarbeit also. Zum anderen kann ich nach allem, was ich bisher gelesen habe, nicht entdecken, was dort wirklich “aufgedeckt” worden wäre. Dass Kohl nicht so rasend viel von Frau Merkel hielt, wusste man auch bisher schon. Und dass er den “Verrätern” von 1989 bis heute nicht wirklich verziehen hat, hat jetzt auch keinen wirklichen Neuigkeitswert.“

Über das Schwan-Buch zu berichten, „das für heftige Kontroversen sorgt, ist völlig in Ordnung. Der “Spiegel” hat allerdings sich die Geschichte zu eigen gemacht. Er berichtet ja nicht über ein Buch, sondern schreibt explizit, er würde enthüllen, was Kohl wirklich denkt. Das ist ein Unterschied.“

„Haben Schwan und der Spiegel Kohl hintergangen? Ja, aber die Wahrheit und das Informationsbedürfnis der Bürger haben einen höheren Rang, einen Verfassungsrang. Die deutsche Geschichte, wie sie wirklich war und wie sie die sehen, die vom Volk gewählt sind,diese deutsche Geschichte gehört dem Volk und nicht dem höchsten Volksvertreter, dem Kanzler a.D. Helmut Kohl“, betont Paul-Josef Raue, Chefredakteur der in Erfurt erscheinenden „Thüringer Allgemeine“.

Raue zu NEWSROOM: „Sicher hat Moral einen festen Platz im Journalismus. Den höchsten Grad der Moral nenne ich die Verfassungs-Moral. Sie ist unser erstes Gebot.“

“Während jeder Deutsche, jeder weniger berühmte, ertragen musste, dass aus seinen Stasi-Akten zitiert wurde, schaffte es Helmut Kohl, dass seine Stasi-Akte gesperrt blieb. Der Kanzler wollte sein Bild für die Geschichte selber zeichnen. Das kann kein Journalist dulden, wenn er gründlich recherchiert”, so Paul-Josef Raue.

„Entsteht durch die Veröffentlichung der Gesprächsprotokolle Helmut Kohls ein derart anderes Bild des Altkanzlers, dass ein Vertrauensbruch gerechtfertigt erscheint? Tatsächlich kannte man Kohls Freund- und Feinddenken auch schon vorher. Und dass seine Verärgerung über “undankbare” Parteifreunde 2001/2002 besonders groß war, ist ebenfalls keine Sensation, sondern passt zu längst bekannten Äußerungen und Verhaltensweisen Kohls“, sagt Michael Klein, Nachrichtenchef der Zeitungsgruppe Lahn-Dill/Wetzlarer Neue Zeitung.

Klein zu NEWSROOM: „Ein besonderer Fall von Vertraulichkeit ist die Praxis der Autorisierung von Wortlaut-Interviews, die sich am ehesten auf das Abfassen von Memoiren durch einen Fremdautor übertragen lässt. Hier gilt nicht das gesprochene Wort, sondern das autorisierte Wort. Veröffentlicht wird nicht, was der Interviewte im Bewusstsein der späteren Autorisierung gesagt hat, sondern das, was er tatsächlich öffentlich sagen will. Gäbe es keine Autorisierung, würde er wie im Fernsehen gleich druckreif formulieren. Die Antworten wären damit aber auch um einiges gestanzter und oberflächlicher. Man kann sicher sein, dass Helmut Kohl nur deshalb so ungeschminkt geredet hat, weil er am Ende entscheiden würde, was davon veröffentlicht wird. So ist es gängige Praxis in jedem Print-Interview. Bei mir bleiben Zweifel, ob ein paar schlagzeilenträchtige Zitate es wert sind, diese Praxis über Bord zu werfen.”

Journalisten sollten gerade in einer Zeit, in der ihre Profession von manchen in Frage gestellt wird, die Grundsätze ihrer Arbeit hochhalten, macht Klein deutlich: “Dazu gehört auch die Beachtung von Vertraulichkeit als Teil der journalistischen Ethik. Darauf muss sich ein Gesprächspartner verlassen können – unabhängig vom Grad seiner Prominenz. Ein Beispiel dafür sind die bekannten “unter drei” gegebenen Informationen.”

“Die Zeitgeschichte ist wichtiger als die Zusage eines Journalisten, Vertraulichkeit zu wahren”, erklärt Bernd Ziesemer, früherer Chefredakteur vom “Handelsblatt”. “Insofern gibt es durchaus gute Argumente für Heribert Schwan und gegen Helmut Kohl. Die entscheidende Frage ist dabei aber: Enthalten die Tonbänder tatsächlich neue Informationen über die Regierungszeit Helmut Kohls, die von historischem Wert sind? Nach der Veröffentlichung im “Spiegel” bin ich mir da nicht so sicher – aber vielleicht enthält das Buch ja noch spannendere Passagen. Generell gilt: Journalisten haben sich an die zugesicherte Vertraulichkeit zu halten. Es kann in seltenen Ausnahmen ein Argument geben, Vertraulichkeit zu brechen – zum Beispiel wenn es um die Zeitgeschichte geht. Aber ein Journalist sollte sich diese Entscheidung nicht leicht machen. Es gibt eine Ethik des Journalismus – und der Schutz des Informanten ist ein ganz wesentlicher Bestandteil dieser Ethik. Mein Eindruck im Streit Schwan contra Kohl (oder besser: contra Maike Kohl-Richter) ist, dass getränkte Eitelkeiten die Hauptrolle spielen bei allen Beteiligten. Deshalb ist es sehr schwer, ein finales Urteil in dieser Sache zu fällen. Und ein letztes Argument: Als Chefredakteur des “Spiegel” hätte ich nicht gezögert, den Vorabdruck des Schwan-Buchs zu bringen. Da gilt immer noch die Devise: All the news that´s fit to print….. Der “Spiegel” ist hier nur der Dritte im Spiel”, so Bernd Ziesemer zu NEWSROOM.