Laudatio zum 60. Geburtstag von Tilman Jens

Tilman Jens

Tilman Jens


Am Samstag dem 6. September hatte Kollege, Koautor und enger Freund von Heribert Schwan, Tilman Jens, zur Feier seines 60. Geburtstag eingeladen. Unter den Gästen natürlich auch der Kölner.

 

Lieber Tilman,

meine Damen und Herren,

zwar hat mich niemand beauftragt, das Wort zu ergreifen. Aber ich möchte doch aus Anlass Deines runden Geburtstages  an einige Highlights unserer gemeinsamen journalistischen Jahre erinnern.

Als ich im Frühjahr 1989  vom Kölner Deutschlandfunk als Redakteur und Moderator zum Westdeutschen Rundfunk  in die Fernsehchefredaktion wechselte,  hattest Du  bereits eine Reihe von Beiträgen unterschiedlicher Länge für das WDR Fernsehen produziert.

Dein Einstieg begann im März 1982  mit einer 20 minütigen Dokumentation über das Goethe-Haus in Frankfurt.  Weiter ging es für den WDR-Buchladen  mit einem Porträt der französischen, politisch radikal engagierten Erfolgsautorin George Sand aus Anlass des Erscheinens eines biografischen Dokumentenbandes.

Das WDR-Filmarchiv  weist dann für die Kulturszene ein Stück über den Moskauer Staatszirkus aus.  Anlässlich der Zirkus-Tournee durch die Bundesrepublik   begabst Du Dich auf die Suche nach Veränderungen im Programm des sowjetischen Staatszirkus unter dem Einfluss der Gorbatschowschen Reformpolitik.

Unter dem Titel „Abschied eines Einzelgängers“   in der Reihe „DDR vor Ort“  drehtest Du einen Film über den populärsten Sportreporter der DDR, Heinz Florian Oertel.  Die 45 Minuten Dokumentation hatte es in sich.

Gleiches galt für  die Dokumentation über die Konzentrationsprozesse der Springer-/Kirchgruppe sowie der Bertelsmanngruppe im kommerziellen Medienbereich. „ Der Fernsehkrieg“  so nanntest Du das 30-Minuten-Stück.  Das war im Jahr 1993.

Zu dieser Zeit übernahm ich nach meinem Wechsel von der Abteilung Innenpolitik in die Abteilung Kultur des WDR Fernsehens zusätzlich noch den hoch gepriesenen „Kulturweltspiegel“. Dieses 30-Minuten-Format  in direkter Konkurrenz zu „ Titel-Thesen-Temperamente“  des Hessischen Rundfunks und von  „Kulturreport“  aus Hamburg und München im Vier-Wochen-Wechsel  brachte uns schließlich zusammen. Längst warst Du vor allem beim HR in Frankfurt und NDR in Hamburg fest etabliert und liefertest beinah wöchentlich  Deine Stücke.  Während der Kulturweltspiegel  über kulturelle Besonderheiten rund um den Globus zum Teil recht betulich informierte, blickte ich ein wenig neidisch auf die meinungsfreudigen, äußerst aktuellen Sendungen der Konkurrenz aus Frankfurt und Hamburg. Dabei fiel mir auf, dass sich ein gewisser Autor Tilman Jens  besonders gerne an  Themen wagte, die dem kulturellen Mainstream  überhaupt nicht entsprachen.  Höchst Umstrittenes, Widersprüchliches, Gegensätzliches  griff er auf ob in Literatur,  Politik oder Gesellschaft.  Und das mit Bildern, Originaltönen und Texten, die in jeder Weise herausragten und sich vom übrigen Magazineinerlei  erheblich unterschieden.

Als neuer Redaktionsleiter des Kulturweltspiegels sann ich darüber nach,  wie ich diesen ungewöhnlichen Filmemacher für meine Sendung gewinnen könnte. Einen Vorteil gegenüber den anderen Sendern hatte der WDR bereits damals schon:  Seine Produktionsbedingungen waren besser, seine Honorare höher  als die der Konkurrenten. Doch das schien Dich, lieber Tilmann, zunächst weniger zu interessieren.

Für Dich ging es um die Themen, auch um den Blick in die Ferne, in die weite Welt. Aber weil der  Kulturweltspiegel  ein Kulturspiegel der Welt sein sollte, war das Reisen, das Drehen und Erleben  außerhalb der Bundesrepublik  durchaus besonders attraktiv für Dich.

Das WDR-Archiv  weist als Deinen ersten Kulturweltspiegel-Beitrag  ein 8-Minuten-Stück über den 9. November aus.  Du dokumentiertest die Schwierigkeiten und die Last der Deutschen  mit dem 9. November als Beispiele für Größe und Elend der deutschen Nation. Zu den historischen Daten 9. November 1918,  der Ausrufung der Weimarer Republik, zu 1923, dem Hitler Putsch, zu 1938, der  Reichspogromnacht und zu 1989, dem Fall der Berliner Mauer ließest Du namhafte Intellektuelle zu Wort kommen.  Dazu die Mischung aus professioneller Kameraarbeit, handwerklich  gekonntem Schnitt  und Deinem brillanten Text.

Von da an warst Du mein  Lieblingsautor, warst Du der Autor,  auf den ich bei keiner Sendung fortan mehr verzichten wollte.

Von Deinen über 70 Magazinbeiträgen und 45 Minuten Formaten möchte ich  an einige erinnern. Am 29. Mai 1994 sendete der Kulturweltspiegel einen Neun-Minuten-Beitrag über einige Ungereimtheiten im Lebenslauf und beruflichen Werdegang des berühmten Literaturkritikers Reich-Ranicki. Dabei wurde über die Tätigkeit Reich-Ranickis für den polnischen Geheimdienst und über die Ausspähung von Exil-Polen in London Ende der Vierzigerjahre informiert. Außerdem ging es um falsche Angaben über die Dauer seiner Mitgliedschaft in der polnischen kommunistischen Partei. Hochkarätige Zeitzeugen kamen zu Wort darunter ehemalige polnische Geheimdienstler. Zitiert wurde aus Berichten von Reich-Ranicki  1952/53, in denen er die DDR lobte und die Bundesrepublik tadelte. Ein Sturm der Entrüstung ging über die Redaktion, über den Autor Tilman Jens hinweg. Der Überlebende des Warschauer Gettos, Reich-Ranicki, bestritt anderntags im ZDF rundweg, je mit dem polnischen Geheimdienst zusammengearbeitet zu haben. Nicht nur im WDR glaubten unsere Kritiker, wir beide hätten schlecht recherchiert und wären den Denunziationen von Geheimdienstlern aufgesessen. Der damalige CDU-Bundesminister Norbert Blüm forderte meinen Rücktritt und natürlich im übertragenen Sinne Berufsverbot für den Autor Jens. Viele meiner Freunde, unserer Freunde, sahen nach dem Auftritt Reich-Ranickis in der ZDF-Sendung „heute“ keine Chance mehr für uns. Nach einer unglaublich langen Woche der Unsicherheiten, der Unterstellungen, der Rücktrittsforderungen gab der Literaturkritiker- Papst in einem Spiegel Interview offen zu, tatsächlich für den polnischen Geheimdienst in London gespitzelt zu haben. Diese geistige Metamorphose ist bis heute für mich ein Rätsel. Immerhin hatten wir, hattest Du, genügend Beweise für Deine Thesen in der Hinterhand. In diesem ungeheuerlichen Sturm der Verwünschungen, Anklagen und unappetitlichen  Rücktrittsforderungen standen wir beide zusammen. Diese Erfahrung prägte auch die folgenden Jahre.

Wie ich eingangs sagte, kümmertest Du Dich um die großen, nicht selten umstrittenen Figuren der internationalen Kulturszene: So zum Beispiel um Claus Peymann, Günter Grass, Salman Rushdie, Norman Mailer, Renzo Piano oder den nigerianischen Schriftsteller Ken-Saro-Wiwa und ihrer Werke.

Sicherlich von mir immer wieder angeregt,  griffst Du  häufig Themen über Stasi-Verstrickungen  in Ost und West auf.  Besonders angetan hatte Dir das Buch  „Spionagechef im geheimen Krieg“ ,  die Autobiografie des DDR Spionagechefs Markus Wolf.

Eine andere, eine neue, eine erzählerische Filmdokumentation erfandest Du für die von mir verantwortete Reihe „Bilderbuch Deutschland“,  auch für die ARD.  Die 45-Minuten-Filme  beispielsweise über Bonn, Kerpen, Gütersloh, Dortmund oder Düsseldorf  hatten höchste Einschaltquoten. Dies lag nicht nur an den außergewöhnlichen Bildern, den eloquenten Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. Es lag vor allem an der Verknüpfung von Bild, Ton und Deinem brillanten Text über die weite Fläche von 45 Minuten. Dass  es dazu einer besonderen Dramaturgie bedurfte, hattest Du verinnerlicht.

Zum Schluss möchte ich noch an zwei außergewöhnliche ARD- Dokumentationen erinnern,  die mir auch als Redakteur viel Zuspruch und Erfolg bescherten.

Am 21. Januar 2009 strahlte die ARD den Film von Dir aus mit dem Titel „Hirnwäscher – wie gefährlich ist Scientology“.

Hier und heute  geht es noch lange nicht um die Lebensbilanz eines sechzigjährigen Publizisten und Dokumentaristen.  Es geht auch nicht um Heldenverehrung, um  Verehrung des Helden der Arbeit.  Aber zu einer  außergewöhnlichen journalistischen Leistung zählt für mich dieser Film.   Darin beschriebst Du die Sekte Scientology, die in der Bundesrepublik Deutschland als eingetragener Verein mit rein wirtschaftlichen Zielen registriert ist. Dokumentiert wurden das ökonomische Wachstum und die Machterweiterung. Dazu zählten die Hintergründe der Bewegung, die Struktur und der Umgang mit ehemaligen Mitgliedern. Du konntest einen Aussteiger zum Reden bewegen und dies vor dem Hintergrund der Premiere von „Operation Walküre“ mit ihrem Hauptdarsteller Tom Cruise, einem der prominentesten  Scientology-Mitglieder.

Wenn ich daran denke,  welche Ängste und Bedenken vor allem bei den WDR-Hausjuristen vorherrschten,   muss ich mich immer noch wundern.  Dieser  Film, zu dem es in der Vergangenheit immer wieder Nachfolgestücke gab, bleibt unübertroffen.

Dein letztes Werk für meine Redaktion war die ARD-Dokumentation „Bespitzelt Springer“.

Dieser Rückblick auf die Bespitzelung des Westdeutschen Zeitungsimperiums Axel-Springer-Verlag durch die DDR-Staatssicherheit in der Zeit des Kalten Krieges  ist ein Meisterwerk des Fernseh-Features.  Recherchen,   optische Umsetzung,  Auswahl bedeutender  Interviewpartner –  eine herausragende Leistung. Dazu Schnitt und Text auf höchstem Niveau.

So weit  ein kleiner Ausschnitt aus unserer langjährigen engen Zusammenarbeit, aus der ein besonderes Vertrauensverhältnis  entstanden ist.  Ich vertraute Deinen Ideen, Deinen Vorschlägen, ich vertraute Deinem Können. Vor  allem schätzte ich Deine brillante Sprache, Deine Filmsprache, die bis heute in den Redaktionsstuben  der Fernsehanstalten einmalig ist.

In diesen vielen Jahren gab es nicht nur Freude, Friede, Fröhlichkeit.  Wir haben oft gestritten,  wir hatten unterschiedliche Sozialisationen  erlebt,  und waren und sind auch häufig unterschiedlicher Auffassungen.  Das ist gerade das Besondere  an unserem Verhältnis.

Lieber Tilman, du bist noch längst nicht am Ende Deines Weges.  Mit 60 Jahren  kann man, kannst Du, noch einmal so richtig aufdrehen.  Deine Leistungsfähigkeit  ist ungebrochen und wird noch zu mancher Überraschung führen. Vielleicht sogar schon in kurzer Zeit.

Ich danke Dir für unsere fruchtbare Zusammenarbeit, ich danke Dir für viele tolle Filmideen und deren Umsetzung, ich danke Dir für eine Menge Erfolg, auch für Deinen Redakteur und vor allem bei den  Fernsehzuschauern.

Ich danke Dir für eine stabile Freundschaft.

Herzlichen Glückwunsch und alles erdenklich Gute!

Ich bitte Sie/Euch, sich von den Plätzen zu erheben und auf das Wohl von Tilman zu trinken.

 

Frankfurt, den 6. September 2014

Heribert Schwan

Tilman zum Sechzigsten die Rede im PDF:anklicken