Spione im Zentrum der Macht | Lesung im Kölner Südstadt-Café SUR

Das Buch „Spione im Zentrum der Macht“ erschien zur Frankfurter Buchmesse 2019. Zur Lesung in der Mayerischen Buchhandlung Köhl in Köln-Rodenkirchen im Januar 2020 hatten sich so viele Interessenten angemeldet,  dass ein Umzug in das benachbarte Brauhaus Steep notwendig wurde. Auch hier überschritten die Anmeldungen die Zahl der vorhandenen Sitzplätze. Mehr als 120 Tickets zum Einzelpreis von sieben Euro konnten und durften nicht an den Mann gebracht werden. Verständnisvolle Freunde mussten ausgeladen werden. Die Nachfrage machte eine weitere Veranstaltung notwendig. Neuer Termin zur Lesung war der 25. März 2020, der leider wegen der Pandemie abgesagt werden musste.

Eigentlich ist es außergewöhnlich, eine Lesung zwei Jahre nach Erscheinen des Buches zu organisieren. Doch diesmal ging es dem Autor um eine Lesung für damals Ausgeladene, für damalige Fernreisende, für Nachbarn und für Menschen, die durch eine Zufallsbegegnung bekannt wurden. 35 Gäste.

Ein besonderer Gast des Abends war Detlef Vreisleben, Diplom-Ingenieur für Nachrichtentechnik im Ruhestand und seit Ende der DDR Spezialist für die Geheimdiensttechnik des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit. Er kam im Laufe des Abends zu Wort und erklärte die im Stasijargon sogenannte „Operative Fototechnik“. Der beste Kenner der Geheimdiensttechnik erläuterte, welche Technik die Stasi benutzte und vor allem, wo sie eingesetzt wurde. Detlev Vreisleben gab Einblick in raffinierte Tricks des DDR Geheimdienstes, wie beispielsweise Kameras in Taschen, Stiften  und sogar in Lippenstiften eingebaut waren.

Heribert Schwan erläuterte zunächst die Vorgeschichte zu diesem Buch. Die Recherchen zu „Spione im Zentrum der Macht.  Wie die Stasi alle Regierungen seit Adenauer bespitzelt hat“ begann Anfang 2005. Der Autor stellte in der sogenannten Stasiunterlagenbehörde einen Antrag auf Herausgabe von Aktenkopien, die über die Ausspähung der Bundeskanzler und Kabinettsmitglieder von 1949 bis 1989 durch die Staatssicherheit der DDR Auskunft geben. Bevor er ein Blatt von der Behörde bekam, mussten in insgesamt 66 Fällen ehemalige Kanzler und Kabinettsmitglieder über sein Forschungsprojekt in Kenntnis gesetzt werden. Niemand hatte Einwände. 2008, nach vier Jahren waren die Recherchen in der Behörde abgeschlossen. Dem Autor wurde ein schwindelerregender Berg von über 80.000 Blatt Aktenmaterial übergeben.

Fotos Alexandra Schumacher

197 Inoffiziellen Mitarbeitern konnte eine „wesentliche und willentliche Zusammenarbeit“ mit dem Ministerium für Staatssicherheit nachgewiesen werden. Sie waren auf die Bonner Spitzenpolitiker von Adenauer bis Kohl angesetzt. Diese Heerschar von Spitzeln versorgte Ost-Berlin mit Informationen über die Bonner Regierungen und die Politprominenz in der provisorischen Hauptstadt am Rhein. Die tatsächliche Zahl der Spitzel war vermutlich etwas höher. Bekanntlich wurden die meisten Dokumente der DDR-Auslandsspionage HVA in den Wendemonaten 1989/ 90 vernichtet.

Neben den Dokumenten aus dem Archiv des DDR Geheimdienstes,  die heute in der Stasiunterlagenbehörde lagern,  kann sich dieses Buch auf Anklagen und Urteile gegen ehemalige hochrangige Stasimitarbeiter stützen. Dazu wurde Schwan Einsicht bei der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe gewährt.

Das Buch „Spione im Zentrum der Macht“ stützt sich also auf eine breite Quellenlage,  die für einen Historiker unentbehrlich ist.

In diesem Buch gibt es keine einzige Anekdote, fehlen Spekulationen, Mutmaßungen und fragwürdige Interpretationen. In diesem Buch geht es einzig und allein um harte Fakten und die notwendigen Belege. Mag sein, dass dadurch das Lesen starke Konzentration verlangt.

Wie der Autor unter anderem erläuterte, gab es in den 40 Jahren DDR etwa 12.000 Bürger der Bundesrepublik, die für den DDR- Geheimdienst arbeiteten, davon allein die Hälfte etwa 6.000 Westdeutsche für die Auslandsspionage HVA der DDR.

In diesem Buch geht es nur um die Auslandsspionage des DDR Geheimdienstes in der Bundesrepublik Deutschland.

Auskunft gab der Autor auch über die Kosten der DDR-Auslandsspionage. Er zitierte Markus Wolf, den langjährigen Chef der HVA, der 1986 angegeben hatte, dass der jährliche Finanzbedarf 12 Millionen DDR-Mark und 13,5 Millionen DM betrug.

Chronologisch ging es dann um die DDR-Spionage in der Ära Adenauer, unter den Kanzlern Erhard und Kiesinger sowie um die Brandt-, Schmidt- und Kohl- Ära.

Nach einstündigem Vortrag gab es für die 35 Gäste Fingerfood und zuvor schon Kölsch und Wein. Gerardo D`Ambrosio und sein Bruder Horazio  hatten die Veranstaltung optimal vorbereitet und leisteten einen perfekten Service.

Die musikalische Umrahmung dieser etwas anderen Lesung besorgten Maggi Mackenthun und Gerhard Sägemüller. Die beiden Säulen der Kölner Band  „Kozmic Blue“ konnten wirklich  begeistern und bekamen starken Applaus.

Chef vom Café SUR Gerardo d‘ Ambrosio