Tilman Jens ist tot

Heribert Schwan

Nur ganz wenige haben es geahnt – ich auch. Sein radikal zunehmender körperlicher Verfall, die unsagbaren Auswirkungen seiner langjährigen Krankheit Diabetes haben seine Psyche überfordert. Hinzu kamen der nicht enden wollende Schmerz und seine Enttäuschung über eine zerbrochene Liebe. Häufige Geldsorgen waren sehr belastend. Was wir beide schon vor drei Jahren thematisierten, sollte Wirklichkeit werden: ein selbstbestimmter Tod, den er von mir öffentlich gemacht haben wollte.  Der war am 29. Juli 2020.

Mein Wechsel vom Deutschlandfunk (DLF) zum Westdeutschen Rundfunk (WDR) in Köln 1989 brachte uns zusammen. Über 30 lange Jahre währte die berufliche Zusammenarbeit, und noch wichtiger war eine verlässliche Freundschaft – mit allen Höhen und Tiefen.

Beim WDR stand mir ein ansehnliches Budget für kulturpolitische Dokumentationen zur Verfügung, die ihre Sendeplätze im WDR Fernsehen und im ARD-Programm fanden. Dafür lieferte der freischaffende Autor manches Stück.

Tilman Jens hatte sein Handwerk des Fernseh-Autors  beim NDR, beim damaligen „Bücherjournal“, gelernt. Sein „Heimatsender“ wurde schon bald der Hessische Rundfunk (HR) in Frankfurt, wo er auch die meiste Zeit seines Lebens wohnte. Vor allem für die namhafte und älteste ARD-Kultursendung „Titel-Thesen-Temperamente“ (TTT) lieferte er Magazin-Beiträge, die bei den legendären Kulturchefs des Senders besonderen Gefallen fanden.

Als ich im WDR auch noch zusätzlich die redaktionelle Verantwortung für den ARD-Kulturweltspiegel übernahm, gehörte der 1954 in Tübingen geborene Journalist zu meinen Stammautoren. Mehr noch: Wie kaum ein anderer Kollege verstand es Tilman Jens, kulturpolitische Themen fernsehgerecht aufzubereiten. Besondere Bilder mit brillanter Sprache zu kombinieren, zeichnete ihn aus. Eine Schere zwischen Bild und Text gab es bei ihm nie. Ideenreich in der optischen Umsetzung und in verständlicher Sprache schaffte es mein Lieblingsautor immer wieder, herausragende Beiträge zu produzieren. Mit seiner journalistischen Qualität gelang es meiner Redaktion über viele Jahre, den Kulturweltspiegel als das Magazin zu präsentieren, das die höchste Einschaltquote und eine breitflächige Akzeptanz in der ARD fanden.

Tilman Jens Reportagen vor allem aus Amerika waren Glanzlichter meiner Sendungen. Der leidenschaftliche Reporter und umtriebige Weltreisende fand mit sicherem Instinkt und natürlich auch mit Glück und günstigen Zufällen die brisantesten Kulturthemen – ob hierzulande oder außerhalb unserer Grenzen. Er überzeugte mit seiner Art des intelligenten und kompetenten Filmemachens.

Tilman Jens, Sohn des prominenten Intellektuellen Walter Jens, passte in kein Raster öffentlich-rechtlicher Fernsehanstalten. Beamtenmentalität war ihm ein Graus. Niemals strebte er eine Festanstellung an, niemals stellte er seinen Status als Freiberufler aus Passion infrage. Keine spürbare Achtung hatte er vor den Hierarchen,  die in Positionen gekommen waren, ohne das Handwerk und die Kunst des Filmemachens zu beherrschen. Er hasste Parteiabhängige im mittleren Management und an der Spitze von ARD und ZDF. Einseitige Parteigänger und politische Opportunisten hatte er rasch als Gegner ausgemacht. Mit ihnen als Vertreter des Mittelmaßes legte er sich gerne an und schwamm gegen den Strom.

Der unangepasste, unbequeme, streitbare und vor allem provozierende Fernsehautor eckte häufig an. Ihn zu schützen und zu verteidigen fiel mir leicht. Manchmal überzog der Nonkonformist und riskierte Zerwürfnisse, die bis zu seinem Tod nicht mehr behoben werden konnten.

Herausragend waren seine Fernseh-Dokumentationen über eine Länge von 45 Minuten. So produzierte er zum Beispiel für die  ARD-Reihe „Bilderbuch Deutschland“ mehr als ein Dutzend Filme über Städte oder Landschaften unter dem besonderen Aspekt der politisch-kulturellen Eigenheiten. Dabei vertrat er einen Journalismus, der sich für Außenseiter-Themen und ihre Protagonisten oft mehr interessierte als für aktuelle Trendsetter des Kulturbetriebs.

Unbedingt erwähnenswert aus seiner Filmografie  ist die ARD-Dokumentation  „Hirnwäscher – Wie gefährlich ist Scientology“. Diese Dokumentation war ein Paradestück der Debattenkultur.

Als verantwortlicher Regisseur und Autor hatte er für mich ein Meisterwerk kritischen und kompromisslosen Journalismus geliefert, das die Sekte mit juristischen Mitteln unmittelbar vor Ausstrahlung der Sendung zu verhindern suchte.

Ebenfalls herausragend war seine Dokumentation „Bespitzelt Springer! Wie die Staatssicherheit einen Medienkonzern ausspähte“. Investigative Recherche  und kluge Dramaturgie waren seine besonderen Markenzeichen. Manche Fernsehkritiker versuchten, meinen Lieblingsautor an den Pranger zu stellen und seine besondere Fähigkeit, heikle und schwierige Themen mit fernsehgerechten Mitteln umzusetzen und gleichzeitig Kontroversen zu befeuern, herabzuwürdigen.

In seinen letzten Lebensjahren verlegte er sich nur noch auf Magazinbeiträge für Kultursendungen von ZDF, MDR und 3sat. Rastlos und unerschrocken, immer neugierig und wissensdurstig stillte er seine Lust an der Arbeit für Beiträge an Kulturthemen, die er unverdrossen bis kurz vor seinem Tod produzierte.

Tilman Jens war nicht nur ein brillanter Journalist und Fernsehautor, sondern auch ein erfolgreicher Schriftsteller.

Sein halbes Dutzend Bücher fand durchweg große Anerkennung, aber ebenso auch scharfe Kritik. Um unser gemeinsames Werk „Vermächtnis – Die Kohl-Protokolle“ wird vor Gericht gestritten. Mit seinem Tod ist für ihn der Streit beendet.

Unvollendet blieb sein letztes Werk „Mein Diabetes – Chronik einer Selbstzerstörung“. Leider schaffte er das letzte Kapitel nicht mehr: „Endzeitstimmung: Mein Diabetes in den Zeiten von Corona“. Die Veröffentlichung verspricht,  ein Erfolg zu werden, zumal er auch im biografischen Teil einen schonungslosen Rückblick wagt.

Auch für mich  war Tilman Jens ein unbequemer Zeitgenosse, immer herausfordernd, aber mit viel Empathie. Bewundert habe ich seine charakterliche Geradlinigkeit und vor allem seine journalistische  Leistungsfähigkeit  und Qualität. Einmal übernahm er sogar die Rolle des kritischen Lektors und verlieh meiner Neuerscheinung im letzten Jahr durchaus sprachlichen Glanz.

Mich hat sein Tod sehr erschüttert, wenngleich ich in seine Tötungsabsicht schon lange eingeweiht war. Bei unserem letzten Telefonat kurz vor seinem Tod spürte ich die große Verzweiflung und erstmals seine Weigerung, Klartext zu reden. Helfen konnte ich ihm diesmal nicht mehr.

Köln, 31. Juli 2020