Verdammtes Erbe

Das lange Sterben des deutschen Aufklärers Tilman Jens

Beitrag in DER SPIEGEL von Volker Weidermann

Nachdem er die Diagnose bekommen hatte, ist er erst mal zu »Fisch Fiete« in Keitum ordentlich schlemmen gegangen: Rahmsuppe, Seezunge in geschwenkter Butter, zweimal Rote Grütze mit Sahne, Eis, Vanillesoße, dazu drei Wein und einen Aquavit »zur Abrundung«. Die Diagnose? Diabetes, Typ 2. Von einer Erkrankung wollte sich Tilman Jens keinesfalls seinen Lebensstil vorschreiben lassen.

Das ist jetzt mehr als 20 Jahre her. Und man könnte also sagen, dass er recht gehabt hat damals und in all den Jahren danach. Warum auf seinen Körper hören? Einfach weiter prassen, trinken, durchs Leben hetzen, arbeiten, bis es irgendwann nicht mehr möglich ist. »Mein Lebensplan war eindeutig«, hat Tilman Jens geschrieben. »Arbeiten, solange es irgend geht. Und wenn dann die Kräfte eines Tages nicht mehr reichen, in Dankbarkeit und mit Trotz aus dem Leben scheiden: Schlaftabletten, eine Flasche Wodka und eine übergestülpte Plastiktüte. Hemingway hat’s auf seine Weise vorgemacht. The party is over. Nach mir die Sintflut.«

Das hat er im August 2019 geschrieben. Weniger als ein Jahr später hat er es getan.

Tilman Jens war Fernsehjournalist, der viel beachtete lange Dokumentationen und unzählige kurze Beiträge für die Kultursendungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks drehte, er war Buchautor, zuletzt über Steve Bannon, »Trumps dunklen Einflüsterer«, und er war Sohn. Sohn des gewaltigen bundes – republikanischen Intellektuellen Walter Jens und dessen kaum weniger berühmten Frau, der Literaturwissenschaftlerin Inge Jens. Des legendären Intellektuellenpaars aus Tübingen. Der Vater soll, als er den Sohn zum ersten Mal sah, enttäuscht ausgerufen haben, der sehe ja »ganz ungeistig« aus. So hat es die Mutter in ihren Erinnerungen mitgeteilt.

Kein guter Start in eine Elternwelt, in der das Geistige stets alles war. Das Buch, das jetzt von Tilman Jens erscheint und das er nicht mehr fertig schreiben konnte, das sollte eigentlich ein radikal offenes, schonungsloses Buch über seine Krankheit sein, über das Leben mit Diabetes Typ 2. Es ist ein Buch über ein gehetztes Leben geworden. Das Leben eines Menschen, der nie das Gefühl hatte zu genügen. Der sich selbst nicht genügte und stets vom Gefühl getrieben wurde, der ganzen Welt nicht zu genügen. Der sein Glück im Beruf fand, aber immer nur ganz kurz. Weil die Erfolge nie ausreichten, ihm nie von Dauer schienen: »Der Weg von meiner frühen Begeisterung fürs Journalistenleben bis zum Verkennen meiner fatalen Krankheit scheint weit – ist es freilich nicht.« Der gemeinsame Urgrund ist: das Drama des ungeliebten Kindes.

Mit fünf war er an Hirnhautentzündung erkrankt, in der Folge stotterte er. »Ich selbst fand mich ziemlich lächerlich«, schreibt Jens. Der Sohn des wortgewaltigen Rhetorikprofessors kriegte keinen Satz anständig zu Ende – es klingt wie ein bösartiger Götterscherz. »Kann einer, der sich schon früh als Außenseiter erlebt hat, narzisstische Gefühle oder zumindest ein gesundes Maß an Selbstbejahung entwickeln?«, fragt er sich später selbst. Und antwortet: »Ich konnte es eher nicht.«

Die Eltern waren ja nicht nur berühmt und sprachgewaltig, sie waren auch politisch in der Friedensbewegung aktiv. Da konnte der Sohn gar nicht früh genug einsteigen: »1968 hat mein Vater seinen nicht einmal 14-jäh rigen Sohn ermuntert, einen Tross seiner Studenten zur Anti- Springer-Demonstration nach Esslingen zu begleiten, um vor der Druckerei die Auslie ferung der ›Bild‹-Zeitung zu verhindern. Das Vorhaben scheiterte kläglich. Aber die erste Prise Tränengas, das war eine Konfirmation der besonderen Art! ›Besser, als wenn der Junge Tabak oder Haschisch raucht‹«, meinte der Vater.

Doch wenn man das eigene Kind konsequent zum Widerstand erzieht, dann kann es passieren, dass es diesen Widerstand irgendwann auf unerwartete Weise praktiziert. Zum Beispiel gegen den eigenen Vater und dessen Lebensfreunde. Die berüchtigtsten journalistischen Arbeiten von Tilman Jens richteten sich einerseits gegen den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, mit dem Walter Jens eine beinahe symbiotische Freundschaft pflegte, und andererseits gegen den Vater selbst. Wobei Tilman Jens das in beiden Fällen abgestritten hätte. Er schrieb und recherchierte nur gegen deren Schweigen. Zwei große deutsche Schweigen.

1994 wies er Reich-Ranicki dessen in der deutschen Öffentlichkeit bis dahin unbekannte Tätigkeit für den polnischen Geheimdienst nach. Und bezichtigte ihn zugleich der Verantwortung für Verrat und Ermordung oppositioneller Exilpolen in London. Reich- Ranicki stritt so lange alles ab, bis eindeutige Beweise gefunden wurden. (Für die Agententätigkeit, nicht für die Verantwortung für Verrat, Auslieferung und Ermordung.) Reich- Ranicki berief sich auf seine Schweigeverpflichtung und beschloss daraufhin, sein Leben selbst aufzuschreiben. Die Freundschaft zwischen Reich-Ranicki und Walter Jens aber war für immer beendet.

Auch Walter Jens, das rhetorisch-moralische Gewissen der Nation, hatte lange geschwiegen. Er hatte seine frühe Mitgliedschaft in der NSDAP verheimlicht, womöglich irgendwann auch vor sich selbst. Diese hat jedoch nicht sein Sohn aufgedeckt. Der machte aber die Alzheimer-Erkrankung seines Vaters öffentlich und verknüpfte dieses große Vergessen mit dem willentlich vergessenen, peinlichen Detail. Das bewusste Vergessen eines wesentlichen, rufschädigenden Vorgangs aus einer frühen Phase des Lebens, so die These von Tilman Jens, habe möglicherweise zu der großen, langsamen Zerstörung des Gehirns geführt. Wehe dem, der willentlich vergisst!

Das Buch, das er über die Krankheit seines Vaters schrieb, ist schonungslos, aber auch liebevoll, detailliert, aufklärerisch, aber vor allem: die Dokumentation vom Dahinschmelzen eines nationalen Denkmals. Ein deutscher Geistesriese verschwindet. Und in Geheimschrift schien die Sohnes-Frage unterlegt: Wer ist hier jetzt ungeistig?

Und jetzt, das letzte Buch: über sich selbst. Tilman Jens schont sich nicht. Er gibt sich die Schuld: »Kurzum, ich hab’s selbst verbockt.« Er hat eben radikal in der Gegenwart gelebt. Aus Angst vor der Zukunft vielleicht, als Flucht vor der Vergangenheit. Es war aber auch die Liebe zum Augenblick, Liebe zur gelungenen Arbeit, zum schnellen, intensiven Leben. Er hetzt von Auftrag zu Auftrag, Geld verdienen, aufklären, staunen machen.

Tilman Jens war fast nie fest angestellt. Seine kurze Zeit als Literaturredakteur beim »Stern« endet abrupt, nachdem er ins Haus des verstor benen Schriftstellers Uwe Johnson eingebrochen war, um vertrauliche Dokumente zu stehlen. Er nennt das selbst seinen »beruflichen Sündenfall«. Möglicherweise wollte er in Wahrheit entlassen werden. Wieder frei sein und sich selbst unter Druck setzen.

Publizist Tilman Jens 2009: »Ich selbst fand mich ziemlich lächerlich« (Gaby Gerster / laif)

Er schreibt, dass er sich selbst kein guter Freund gewesen sei und deswegen wohl auch   anderen nicht. Dass er streitsüchtig gewesen sei, er bekennt, dass seine Ex- Frau ihn bezichtigt habe, er habe »Hornhaut auf der Seele«, und gesteht: »Ganz falsch lag sie nicht mit ihrer bösen Diagnose.«

Er beschreibt sein Fremdgehen, seine aufkommende Impotenz, beschreibt den Lebensschmerz, keine Kinder bekommen zu haben. Dreimal hatte er sich mit Partnerinnen über Schwangerschaften gefreut. Drei Fehlgeburten waren zu betrauern. Und auch da fragt er sich, ob er die Schuld daran trug. Er beschreibt Muskelabbau, seine eigene Angst vor der Demenz. Beide große Zehen wurden ihm abgenommen. Er vermutet, dass beide hätten gerettet werden können, wenn er sich nicht jedes Mal lieber mit Begeisterung in neue Arbeitsprojekte gestürzt hätte und deswegen Alarmsignale ignorierte.

Er beschreibt auch einige seiner letzten journalistischen Arbeiten. Und irgendwann fällt ihm selbst auf, dass er sich irgendwie ständig mit Sterbenden, Sterbewilligen und Schwankenden am Lebensende befasst hat. Er stellt immer wieder fest, dass gerade auch die Menschen, die bei klarem Verstand und bester Gesundheit mit Festigkeit erklären, rechtzeitig entschlossen und selbstbestimmt sterben zu wollen, sich am Ende ans Leben klammern.

Auch dies erlebt er am eindringlichsten bei den eigenen Eltern. Wie fest entschlossen hatte sich der Vater gezeigt, im rechten Moment das Leben zu beenden. Doch wann genau ist dieser Moment? Als die Familie und er selbst einmal scheinbar den Moment erkannt und den festen Entschluss gefasst hatten, sagte Walter Jens: »Aber schön ist es doch.« Und der Moment war für immer vorbei.

Warten auf den Tod der Mutter als letzte Hoffnung für das eigene Überleben

Auch über seine Mutter, Inge Jens, schreibt er, der ungern Schweigende. »›Würdest du denn gerne bald sterben?‹ «, habe er die 93-Jährige nach einem kleinen Schlaganfall gefragt. »Sie nickt, sie hat genug und widerruft doch im gleichen Atemzug. ›Aber erst will ich noch in die Reha, um wieder laufen zu lernen.‹« Dieses Schwanken, so wie er es am Beispiel seiner Mutter und seines Vaters beschreibt, ist auch die Grundbewegung dieses Buchs. Eigentlich von der ersten Seite an zum Sterben bereit, fällt er sich doch immer wieder ins Wort und bestärkt sich selbst im täglichen Durchhaltekampf.

Doch irgendwann kommt einfach zu viel zusammen. Seine letzte Liebe trennt sich von ihm, der körperliche Verfall schreitet weiter voran. Er befürchtet, dass ein Fuß amputiert werden muss und dass er dann seine Wohnung im dritten Stock nicht mehr erreicht. Vor allem aber steht ein Ende des geliebten und lebensnotwendigen Arbeitens bevor. Er ist 66 Jahre alt. Zeit für den Ruhestand. Doch der gegenwartsversessene freie Journalist hat nicht fürs Alter vorgesorgt. Er hat einfach fast kein Geld.

Der Moment, den er im Buch als »Todesurteil« beschreibt, ist keine ärztliche Diagnose, sondern der Augenblick, als ihm die Versicherung sagt, dass sie ihm keine Kreditbürgschaftspolice mehr ausstellt. Einsam, krank und ohne Geld geht dieses Leben vorbei. Auch dieses Buch beendet er nicht mehr.

Sein Freund Heribert Schwan, mit dem zusammen er das Buch »Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle« veröffentlicht hatte, schildert im Nachwort, dass der Geldmangel ein Dauer – thema von Tilman Jens gewesen sei, »vor dem er sich in die Erwartung eines baldigen Erbes aus Tübingen flüchtete«.

Dieses Erbe aus Tübingen, an anderer Stelle als »verdammtes Er be« bezeichnet, muss wohl das elterliche Erbe sein. Der Vater ist seit 2013 tot. Doch Inge Jens, inzwischen 94 Jahre alt, lebt noch heute. Das Warten auf den Tod der Mutter als letzte Hoffnung für das eigene Überleben, das ist dann doch ein sehr deprimierendes letztes Kapitel eines Lebens.

Am 29. Juli 2020 hat sich Tilman Jens das Leben genommen. Schwan schreibt: »Seine Urne wurde in der oberen linken Ecke der Grabstätte seines Vaters eingelassen. Freunde und Weggefährten waren nicht eingeladen.