Von Gesinnungstätern, Idealisten und gescheiterte Existenzen

Beitrag auf deutschlandfunkkultur.de von Nana Brink

Spioniert wird selbst zwischen befreundeten Staaten. Doch 1500 DDR-Spione in Westdeutschland dürften einsamer Rekord gewesen sein. Kohl-Biograf Heribert Schwan legt eine reportagehafte Agentenschau vor – zum Gruseln und Rückerinnern.

„Das Besondere ist – in aller Bescheidenheit –, dass dieses Buch auf zwei Säulen basiert, die eine Säule sind die Stasi-Akten, die zweite Säule sind die Gerichtsakten. Das hat es, glaube ich, in diesem Zusammenhang mit der Spionage in der Bundesrepublik Deutschland von 1949 bis 1989 in dieser Form so nicht gegeben.“

Heribert Schwan neigt, was sein Werk betrifft, nicht zur Untertreibung. Schon auf der ersten Seite lässt er uns wissen, dass er sich durch „einen schwindelerregenden Berg von über 81.000 Blatt Aktenmaterial“ der Stasi-Unterlagenbehörde gearbeitet hat, nicht eingerechnet die zigtausend Aktenblätter aus der Karlsruher Bundesanwaltschaft. Nahezu überschwänglich dankt er beiden Behörden – und auch seinem Physiotherapeuten – für einen „nahezu schmerzfreien Zehn-Stunden-Tag am heimischen Computer“.

Die Geschichte liest sich wie ein Krimi

So gesehen legt der Bestseller-Autor die Latte hoch: Ein Standardwerk soll es sein, das die Geschichte der Stasi-Spionage in der Bundesrepublik neu aufrollt – und sich natürlich liest wie ein Krimi. Eine gut geölte Anekdoten-Maschine ist Heribert Schwan auch in seinem jüngsten Buch. Eine Geschichte über die legendäre HVA, die Hauptverwaltung Aufklärung, beginnt man (wie im Buch geschehen) am besten mit ihrem geheimnisumwitterten Chef:
 
Markus Wolf, seit 1952 Chef des Außenpolitischen Nachrichtendienstes der DDR. Er lenkte die Geschicke des riesigen Apparates von Hauptamtlichen und Inoffiziellen Mitarbeitern, deren einzige Aufgabe es war, Spionage – vor allem in der Bundesrepublik – zu betreiben. Diese Spionage diente dem Klassenkampf. Ging es nach dem Willen von Wolf und anderen, sollte sie der DDR unmittelbare Einflussnahme beim Klassenfeind ermöglichen: in der Wirtschaft, beim Militär – und besonders in der Politik.
 
Und die HVA ist erfolgreich, überaus erfolgreich: 1989 verfügt sie über 4000 Hauptamtliche, 10.000 Inoffizielle Mitarbeiter, und über 1500 Spione in der Bundesrepublik. Diese „Kundschafter des Friedens“, so der Stasi-Jargon, bilden ein flächendeckendes Agentennetz und haben, wie der Untertitel schon erklärt, „alle Regierung seit Adenauer bespitzelt“. 

Spione als „Romeos“

„Überhaupt hat mich fasziniert, da ich ein Biograf bin, die Lebensläufe dieser Leute endlich mal zu sehen. Die ergeben sich nicht aus den Stasi-Akten, sondern die ergeben sich aus den Akten der Ermittlungsbehörde aus Karlsruhe. Die haben die Leute befragt. Wenn man sieht, aus welchen Milieus diese Spione kamen, aus dem Westen, wenn man sieht, welche Lebensläufe sie hinter sich hatten, Halbwaisen, unehelich, Scheidungen und immer auf der Suche diese Spione nach Halt und Hilfe und Sicherheit, das waren die Stasi-Führungsoffiziere zum großen Teil. Das hat mich wirklich fasziniert“, sagt Heribert Schwan.  

Wer also hat sich in den Dienst der Stasi gestellt? Parteisoldaten, die aus der jungen DDR ins Feindesland geschickt wurden. Gesinnungstäter, Idealisten, gescheiterte Existenzen. Das Buch erzählt von klammen Bundestagsabgeordneten, geltungssüchtigen Ministerialbeamten und umgedrehten Bundeswehr-Offizieren. Und es erzählt von Romeos und Julias. 

„Vor allem in den 50er- und 60er-Jahren, zu Anfang der Spionage der HVA, ist es geschehen, dass viele, viele junge Frauen einfach in den Ministerien in Bonn von Romeos überzeugt wurden, aus Liebe letztendlich zu spionieren. Und das ist zum Teil unglaublich tragisch gewesen, bis zum Alkoholismus, bis zum Verderben eigentlich dieser jungen Frauen“, so Heribert Schwan weiter.

Einer dieser Romeos war „Herzensbrecher Herbert“. Gezielt bemüht sich der HVA-Agent, der unter anderem beim „Spiegel“ und in der FDP-Bundesgeschäftsstelle arbeitete, um seine „Julia“, die 1970 als Stenotypistin im Bonner Verteidigungsministerium tätig war und bald ins Kanzleramt wechselte. 

Wie befohlen, funkte es zwischen dem Agenten und der 30-jährigen Bürokraft. Ob sich Helmut Schmidt mit den Regierungschefs der NATO-Partner traf oder ein vertrauliches Schreiben an den britischen Premierminister James Callaghan verfasste: Der DDR-Geheimdienst wusste Bescheid.

Erfolgsspion im Kanzleramt war nicht sehr produktiv

Dem wohl berühmtesten Spion der DDR, über den sogar ein deutscher Kanzler stürzte, widmet Heribert Schwan hingegen nur ein paar Seiten. Was Schwan überrascht: Guillaume gilt als nicht besonders fleißiger und ergiebiger Agent. Umso mehr taucht Schwan in die Geschichte von Klaus Kuron ein, dessen Geschichte er für besonders verachtenswert hält: ein westdeutscher Beamte, der sich für Geld an die Stasi verkauft hat.

„Kuron, der in einer führenden Position war, beim Bundesamt für Verfassungsschutz in Köln, und der sich 1981 per Brief angeboten hat und Kohle brauchte, vier Kinder, die er erziehen musste, ein Haus gebaut hatte, wenn ich mich recht erinnere. Er hat über 600.000 DM damals kassiert. Eine irre Geschichte, eine Lebensgeschichte, unglaublich!“, erzählt Heribert Schwan.

Schwans Buch basiert hauptsächlich auf Agentenbiografien, die reportagehaft erzählt werden. Man liest sie, wundert sich, gruselt sich, denkt an die Zeit zurück – und schlägt das Buch wieder zu. Dass muss keine Kritik sein, was allerdings fehlt, ist eine umfangreiche Bewertung der Spionagetätigkeit der HVA. Bleibt die Frage: Muss die Geschichte der Bundesrepublik neu geschrieben werden?

„Nein, das würde ich nicht sagen, das wäre anmaßend“, meint Heribert Schwan. „Nein! Wir wissen nicht, welchen Schaden die Spionage angerichtet hat, das ist sehr schwer einzuschätzen. Aber wir wissen, dass die DDR, dass Ulbricht und Honecker, dass das Politbüro in Ost-Berlin, die hatten natürlich einen Informationsvorsprung, der unbezahlbar war. Kiesinger, die ganzen Kanzler, Brandt und auch Schmidt. Schmidt ist ja unglaublich ausgekundschaftet worden, in allen Phasen seines langen Daseins! Bei Kohl gab es dann auch die telefonische Abhörgeschichten, also, das war schon großartig.“